Virtuoses Heulen zum Mond

Offenbach - Die „Nachtmusik“ in der Capitol Symphony Lounge entpuppte sich als Gesamtkunstwerk aus Musik, Poesie und Licht. Eingeführt von einem Heine-Gedicht, hatten zuerst Geister ihren Auftritt. Von Eva Schumann

In Mendelssohns „Sommernachtstraum“-Ouvertüre ließ die Neue Philharmonie Frankfurt Elfen vorbei huschen und sich über Shakespeare-Komödianten lustig machen.

Nachtstimmung anderer Art verströmt Schönbergs Streichsextett „Verklärte Nacht“ op. 4. Seine Vorlage, ein Gedicht von Dehmel, schildert das Gespräch eines Ehepaars, in dem die Frau einen Fehltritt gesteht und Verzeihung erlangt. Im Gegensatz zu Schönbergs teils spätromantischer, teils progressiver Fin-de-siècle-Musik ist das Poem in seiner Exaltiertheit kaum mehr erträglich. Dass Sonja Kraushaar es rezitierte, war zum Verständnis jedoch sinnvoll. Im Capitol wurde der nächtliche Spaziergang nicht nur durch flirrende, sehnsüchtige und leidenschaftliche Geigenklänge verklärt, sondern auch durch eine Lichtinstallation des Architekten Stephan Horn und seiner Klasse an der TU Darmstadt. Unter der Stabführung des jungen Christian Schumann interpretierte die Neue Philharmonie das schwierige Stück eindringlich.

„Drum wein’ ich, dass bei deinem Kuss ich so nichts empfinde,“ klagt Else Lasker-Schüler im Gedicht „Dir“. In Mahlers „Adagietto“ fehlen weder Tränen, noch Wärme, nach der sich die Dichterin sehnt. Auch dieser melancholische Satz aus der 5. Sinfonie, populär geworden durch Viscontis Mann-Verfilmung „Tod in Venedig“, passte zum Thema.

Patrik Bishay hat aus Mozarts „Serenada notturna“ und Stücken des amerikanisch-münsterländischen Musikers Moondog eine reizvolle Collage komponiert. Der mit 16 Jahren erblindete Louis Thomas Hardin (1916-1999) nannte sich nach seinem Blindenhund. Ausgebildet im Spiel diverser Streich- und Tasteninstrumente sowie im Kontrapunkt, begann Moondog seine Karriere als Straßenmusiker in New York. Bishay kombinierte Mozarts Serenadensätze mit jazzigen Fantasien Moondogs. Einbezogen war auch Sonja Kraushaar, die zuvor ein Shelley-Gedicht rezitiert hatte und nun Mondhund-Vokalisen beisteuerte. Im letzten Satz kommen sich Mozart und Moondog, Streichquartett und Orchester unentwegt in die Quere; alles mischt sich zum Kauderwelsch, das kühn vor dem erwarteten Schlussakkord endet. Forsche Tempi des immer mehr auftauenden Dirigenten und komplizierte Rhythmen brachten die Musiker gelegentlich an ihre Grenzen. Doch als erfahrenes Crossover-Orchester meisterten sie das Pasticcio bewundernswert flexibel. Rühmend hervorzuheben ist der Konzertmeister Ralf Hübner, der die Ensembles sicher durch das Chaos lenkte und im gesamten Konzert mit etlichen schönen Soli brillierte.

Kommentare