Stanislaw Skrowaczewski

Ein Visionär strebt himmelwärts

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Frankfurt - Vor wenigen Wochen ist er 91 Jahre alt geworden. Doch nur beim Gang zum Dirigier-Podest sieht man ihm die Jahre an. Von Klaus Ackermann

Dortselbst entwickelt der Pole Stanislaw Skrowaczewski eine Spannkraft, die in Atem hält und dem Konzert des hr-Sinfonieorchesters in der Alten Oper den Charakter eines Vermächtnisses beschert. Denn mit Anton Bruckner und dessen 9. Sinfonie prescht ein Visionär auch mit klanglicher Härte ins Jahrhundert der Neuen Musik, die schon Skrowaczewskis „Passacaglia Immaginaria“ zum Auftakt bezeugt hat.

Mit den Elite-Orchestern dieser Welt ist Skrowaczewski eng vertraut, von den Frankfurter Radio-Sinfonikern wird er besonders geschätzt. Denn auch in einstündiger Bruckner-Strecke hängen sie wie gebannt am Dirigat des legendären Maestros, der die Neunte in Beethovens Tonart d-Moll klanglich intensiv und dabei emotional so abgeklärt ergründet.

Ein hohles Quint-Oktav-Motiv, wie aus dem Nichts entwickelt, setzt hier eingangs akribisch das biblische „Es werde Licht“ um. Bei klanglich feinen dynamischen Schattierungen, die sich zum hell strahlenden Chroma verdichten, was Skrowaczewski gleichsam mit links erreicht. Die Dur-Idylle ist hier kein frommer Wunsch, sondern ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Vor allem erstaunt, wie natürlich das für Bruckner typische Abreißen und neu Ansetzen des breit fließenden und massiv gesteigerten sinfonischen Stroms gelingt.

Wie höllisches Gelächter wirkt das hintergründige Scherzo, dessen klangliche Reibungen Skrowaczewski und das makellos intonierende hr-Sinfonieorchester modernistisch hart ausspielen. Dagegen hat das Trio mit seinem milden Holzbläser-Ton den Charme ländlicher Tanzmusik. Ehe das spannend inszenierte Inferno aufs Neue losbricht. Alle guten Bruckner-Geister scheinen im Adagio-Trauermarsch zu paradieren, mit weihevollem Gesang der Wagner-Tuben, mit erwärmendem Streicher-Samt und den ostinaten Bässen, die sich dauerhaft sequenzierend emporschrauben. Ein „Abschied vom Leben“ (Originalton Bruckner), für den sich Skrowaczewski alle Zeit der Welt nimmt.

Der hat zum Auftakt Sympathie für Neue Musik in seiner „Passacaglia Immaginare“ bekundet, auf der barocken Variationsform basierend. Ein schräges Tieftöner-Thema wird hier in lichte Höhen überführt. Mit viel Schlagwerk als Bindemittel, das sich auch solistisch mit jazzigem Drive in Rage spielt, was in einem teuflischen Ganztonakkord kulminiert, um nach harten Schlägen klanglich zu versickern. Das Engagement der hr-Sinfoniker für diese lebendige Moderne wirkt durchaus ansteckend.

Dass nach finalem Abgesang der d-Moll-Sinfonie und obligatorischer Bruckner-Gedenkminute der Beifall nicht enden will, kann nur eines heißen: Lang lebe Skrowaczewski.

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