Vollgas in finnischer Landschaft

Im Norden der USA sind Musiker daheim, die sich bislang in Europa rar machten.

Dabei verkörpern die Sinfoniker aus Minnesota all jene Tugenden, die man gemeinhin an amerikanischen Orchestern schätzt: Zackig phrasierende Blechbläser und eine Mantovanis schwellenden Streicherklang kultivierende Saiten-Fraktion ergeben auch beim Minnesota Orchestra einen Sound, den der finnische Chefdirigent Osmo Vänskä mit viel Druck und noch aufwändigerer Gestik in Werken des Spät-Minimalisten John Adams und Spät-Romantikers Jean Sibelius abrief. Gelassenheit dagegen strahlte US-Geiger Joshua Bell aus, der eine Repertoire-Perle auf Hochglanz polierte, Max Bruchs Violinkonzert Nr. 1 g-Moll.

Der US-Staat Minnesota grenzt an Kanada und gilt als Land der 1 000 Seen – wie die alte Heimat von Dirigent Vänska, der seiner neuen Wirkungsstätte zunächst Reverenz erweist. Mit „Slonimsky’s Earbox“ von John Adams (geb. 1947), das wiederum auf den ersten Takten von Strawinskys „Chant du Rossignol“ fußt.

Beileibe kein Einspielwerk: Hellwach sind die Sinfoniker schon beim heftigen Einstieg in dieses Klangwelten verbindende Perpetuum, das rhythmisch an Strawinskys Skalen erinnert, dessen Motiv auf solch unruhigem, gelegentlich gar jazzmäßig swingendem Grund minimale Veränderungen erfährt. Da schwirrt’s und flirrt’s, dass es eine Lust ist, ehe der per Glockenklang vorübergehend gebannte geisterhafte Spuk unmittelbar abreißt.

Per se eine klangliche Wohltat wirkt das Bruch-Violinkonzert in dieser Umgebung wie eine Wellness-Kur, das der sein Star-Appeal mit einer intensiven Körpersprache unterstreichende Joshua Bell souverän reinzeichnet. Schon beim rhapsodischen Auftakt ist der Meistergeiger in Tempi und Dynamik Herr im Ring, begleitet von einem Orchester, das den großen beweglichen Ton seiner Stradivari „Gibson“ ideal trägt, auch Garant für klangliches Wetterleuchten ist.

Das gipfelt in einem samtweichen, feinfühlig gesungenen Adagio, immer maßvoll weich gespült, bis ein elegant gefederter Tanz die genussvolle konzertante Tafel abrundet. Virtuosität und Charakterstärke beweist der Weltklasse-Solist in seiner Zugabe, der mit Freunden wie Sting, Chick Korea oder Bobby McFerrin auch über den Klassik-Tellerrand schaut: Eugene Isayes „Obsession“ aus der zweiten Sonate für Violine solo verleugnet das Bachsche Vorbild nicht.

Starker Tobak ist dagegen die 1902 komponierte Sinfonie Nr. 2 des Finnen Jean Sibelius, bei allem Naturlaut und stimmungsvoller Beschreibung ein düsteres Psychogramm. Vor allem im zerrissenen, selbstquälerischen Orchester-Rezitativ des Andante, bei dem der wie ein Kobold am Dirigierpult wirbelnde Vänskä Musik als Klangsprache beim Wort nimmt. Kein Wunder, dass Finnland so hohe Selbstmord-Raten hat. Zumindest bei Sibelius ist nach kniffeliger Streicher-Hatz Licht am Ende des Tunnels. In einem imposanten sinfonischen Hymnus, den die Bläser in die Nähe von Filmmusik rücken. Die haftet dann ebenso lang wie die obligate Zugabe, der bittersüße „Valse triste“, ein wahrer Sibelius-Schlager …

KL. ACKERMANN

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