Zur Vorhörung, bitte!

Cool, lässig, aber kein Porno-Rap. Sammy Deluxe reflektiert lieber, als dass er böse Worte rappt. Fotos (2):bg

Kuschelig dicht sitzen ungefähr 100 Studis und Nicht-Studis auf fetten Kissen nebeneinander, die am Boden des Campus-Cafés verteilt sind. Das Bier in der einen, die Handykamera in der anderen Hand. Denn der Professor des Abends ist normalerweise eher auf MTV zu erblicken als an der Uni. Sein Name: Sammy Deluxe.

Der Hamburger HipHopper ist an die Fachhochschule Frankfurt (FH) eingeladen von „you fm“, dem Jugendsender des Hessischen Rundfunks (hr). Der Name: „Vorhörung“. Die Idee: Musikstars kommen mit ihren neuen Alben, die noch nicht in den Läden stehen, an eine hessische Universität oder Fachhochschule und spielen die noch ungehörten Songs zum ersten Mal vor.

Die Tickets werden ausschließlich verlost und sind auf 100 Gäste beschränkt. Seit Beginn der „Vorhörung“ vor zwei Jahren kommen die Sahneschnitten der deutschen Popszene vorbei: von den Sportfreunden Stiller über Bela B. zu den Beatsteaks. Und die beantworten so ziemlich alle Fragen, die die Zuhörer zum Album und ihrem Leben stellen.

Heute ist Sammy an der Reihe verhört zu werden. Kommenden Freitag erscheint sein drittes Album „Dis wo ich herkomm“, kurz darauf gibt es auch seine gleichnamige Autobiografie. „Hallo erstmal“, brummt der 31-Jährige, der sich in blauer Sweatshirtjacke, Schal, Brille und seinem sympathischen Goofy-Lächeln auf einen kleinen Hocker vor die Kissenlandschaft setzt. „Ich hatte das Konzept der Vorhörung nicht gleich verstanden und wusste nicht, dass ich eigentlich nur meine CD vorspielen sollte, also habe ich meine Band mitgebracht“, gibt Deluxe augenzwinkernd zu und spielt zunächst einmal live seine neueste Single „Dis wo ich herkomm“. Da lautet eine Reimzeile: „Wir haben keinen Nationalstolz wegen Adolf“.

„Wegen dieser Zeile bin ich schon total zerrissen worden. Aber wenn ich HipHop mache, denke ich nicht darüber nach, was jetzt politisch korrekt ist. Ich will Dinge reflektieren, und es soll sich vor allem reimen“, erklärt Sammy Deluxe, Sohn eines Sudanesen. In den ersten Minuten sind die meisten noch viel zu aufgeregt, eine Frage ins Mikro zu stellen. „Keine Sorge, ich bin das gewohnt, die Fünftklässler, mit denen ich ein Schulprojekt mache, fragen noch weniger als ihr“, sagt Deluxe, und alle lachen. Dann traut sich der erste mutige Zuhörer: „Was sind das genau für Hilfsprojekte, die du unterstützt?“

„Früher habe ich gedacht ‚Scheiss-Politik‘ – heute will ich mitreden. Ich engagiere mich für die Aids-Stiftung, aber ich habe auch in Hamburg selbst einen Verein gegründet, ‚Crossover‘ nennt der sich. Das ist ein Musik- und Basketballprojekt, das Kinder aus den verschiedenen Stadtvierteln, also arme und reiche Kids zusammenbringen soll“, plaudert der Sänger. Dann spielt er „Superheld“ von CD vor: In dem Lied geht es darum, dass alle Helden des Sohnemanns (unter ihnen Harry Potter) weiß sind. „Ich wäre so gerne dein Superheld mit brauner Haut“, rappt Deluxe. Dann erzählt der Rapper wie er als Atheist (seine Religion sei der  HipHop) seinen Kleinen auf eine katholische Schule schickt, weil er ihn von bösen Wörtern so lange wie möglich fern halten will und sich auf den Elternabenden über rassistische Sprüche ärgert. Die Wut gegen Deutschland, die er in seinem bislang erfolgreichstem Hit „Weck mich auf“ (2001) besingt, sei aber deutlich abgeklungen.

„Der deutsche Rap wird immer härter, da will ich gar nicht mithalten wollen. HipHop hat meine Generation von der Straße geholt. Heute müssen Mittelstands-Kids erst kriminell werden, um etwas zu erzählen zu haben“, sagt er, nachdem er „Bis die Sonne rauskommt“ performt hat. „Hammer, Respekt“, lobt ihn ein Mädchen mit roter Brille. Fast alle betonen, wie sehr sie den neuen Sammy Deluxe-Sound (viel Reggae-Einfluss mit tiefgründigen und persönlichen Texten) mögen und auch die harten Punchlines nicht vermissen. Sammy Deluxe freut sich über das direkte Feedback wie ein Welpe über den Gummiball.

KATHRIN ROSENDORFF

Die Vorhörung gibt es auf: www.you-fm.de

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