Wagners Wonnen

Wer Richard Wagners klangliche Wonnen aus dem mystischen Graben von Bayreuth erlebt hat, für den ist die konzertante Situation – mit Dirigent und Musiker auf Blickhöhe – gewöhnungsbedürftig.

Doch Mariss Jansons und das Koninklijk Concertgebouworkest steuern überzeugend gegen. In präzise gezeichneten Klang-Porträts der Tannhäuser (Ouvertüre) und Siegfried (Rheinfahrt und Trauermusik) bleibt trotz Festbeleuchtung der Alten Oper einiges im angenehmen romantischen Dunkel.

Greller Kontrast ist die Sinfonie Nr. 10 e-Moll Dmitri Schostakowitschs, auch eine Abrechnung mit dem russischen Diktator Stalin, der den Komponisten unter Druck zur ständigen Revision gezwungen hatte. Ihren dauerhaft grotesken Zuschnitt verschärfen die Königlichen zur klanglich spitzfindigen Karikatur.

Hier Sinnenlust bei einer verführerischen Frau, dort die reine göttliche Liebe: Schon in der Ouvertüre ist der Tannhäuser-Konflikt greifbar, mit dem berühmten Pilgermarsch, der auf Erlösung hoffen lässt, und den irrlichternden Klängen der Venusszene. Altmeister Jansons hat alle Zeit der Welt, um mit monumental anmutender Dirigiergestik den breiten klanglichen Strom zum Fließen zu bringen. Und selten haben so viele kompetente Blechbläser auf dem Konzertpodest der Alten Oper gestanden wie bei „Siegfrieds Rheinfahrt“ und der ebenfalls orchestralen Trauermusik. Jansons lässt auch im klanglichen Breitformat streiflichtartig die Lebensstationen des Helden Revue passieren, erstes Opfer des vermaledeiten Ring des Nibelungen. Ob nun das Horn-Motiv aus dem Off, ob die klanglichen Liebes-, Rheingold- oder Schwert-Signets, wie Inseln im chromatischen Gewoge, die „Götterdämmerung“ erlebt man im Zeitraffer, aber dennoch klanglich nachhaltig.

Schostakowitschs kühle Ekstasen betreiben die Philharmoniker aus Amsterdam mit einer virtuosen Kaltschnäuzigkeit, dass einem Hören und Sehen vergeht. Wie die mit einem feinen polyphonen Streichernetz überzogene Trauermusik in klanglichen Grimassen unterzugehen scheint, das fesselt bis hin zum fatalen orchestralen Teufelstriller. Schostakowitschs Zwang zum barbarischen Scherzo wird hier zum gespenstischen Albtraum, vom Orchester auch rhythmisch hart akzentuiert.

Klangliche Milde in hohlen Holzbläser-Soli und Streichersamt gibt’s nur vorübergehend, die Zeichen stehen auf Sturm. Und als wolle Jansons dokumentieren, was Schostakowitsch ohne Stalins Maßregelungen komponiert hätte, schickt er noch das wilde zweite Zwischenspiel aus der „Lady Macbeth von Mzensk“ nach – jener Oper, wegen der er ja in Ungnade gefallen war. So orchestral heftig, dass man sich schon wieder nach Wagners milden Wonnen sehnt …

KLAUS ACKERMANN

Kommentare