Antrittskonzert des neuen hr-Chefdirigenten im Metzlerpark

Walzer mit Widerhaken

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Fast 5000 Zuschauer kamen zum Konzertabend, für manche blieben nur Stehplätze.

Frankfurt - Die Engländer machen uns das schon seit dem 18. Jahrhundert vor. Ein klassisches Ensemble einfach irgendwo in der freien Natur auszusetzen und die Kompositionen der großen Meister mit den Geräuschen der Umwelt kollidieren zu lassen. Von Detlef Kinsler 

Für die Frankfurt-Premiere seines neuen Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada hatte sich das Management des Hessischen Rundfunks eine Open-Air-Präsentation ausgedacht. Und der junge Kolumbianer stellte für den Abend im Metzlerpark ein populäres Programm zusammen. Bekannte Motive, aber eben kein Strauß bunter Melodien, sondern mehr als zwei Stunden voller Raffinesse. Dank Maurice Ravel, Richard Strauss, Sarasate nach Motiven von „Carmen“.

Orozco-Estrada, der in Österreich musikalisch sozialisierte Latino, begann den Abend mit einem Walzer. Aber der hatte seinen Ursprung nicht an der schönen blauen Donau, sondern an der Seine. Kein Wunder also, dass die Dreivierteltakt-Seligkeit impressionistisch gefärbt und ironisch gebrochen daher kam, verspielt und vertrackt wie man Ravel eben kennt.

Der 36-Jährige hatte diesen dynamisch dirigierten Einstieg mit Bedacht gewählt, denn „La Valse“ ist wie auch der Rest der Abends ein Brückenschlag zwischen den Kulturen, in denen der Wahl-Wiener aus Medellín zuhause ist. Dabei strahlte das sympathische Energiebündel bei seiner Arbeit mit der Sonne um die Wette, die einen lauen Sommerabend am Museumsufer bescherte. 4 800 Besucher waren schließlich dem Angebot gefolgt, dem klassischen Klangkörper seines Heimatradios zu erleben. Der Ansturm war so groß, dass viele nicht mehr auf das Gelände eingelassen werden konnten. Einige Abgewiesene versuchten dann zum Leidwesen der Ordnungskräfte über Zäune und Absperrung zu klettern; die Klügeren eroberten sich einen Platz auf dem abgesperrten Schaumainkai und genossen mit Decken bewaffnet den Abend in Picknickatmosphäre.

Konzert zum Jubiläum: St.Cäcilia leuchtet

Konzert zum Jubiläum: St.Cäcilia leuchtet

Alle erlebten das besondere Konzert, das sich Orozco-Estrada für sich erhofft hatte. Souverän überließ er für Ravels „Tzigane“ und Pablo de Sarasates „Carmen Fantasie“ das Spotlight der jungen Spanierin Leticia Moreno. Passend zu ihrem leuchtend roten Kleid interpretierte sie die technisch schwierigen Stücke virtuos und leidenschaftlich, dabei mit einer verblüffenden Leichtigkeit.

Gerade in leisen Passagen wurde deutlich, was den wesentlichen Unterschied eines Auftritts im Konzertsaal und unter freiem Himmel ausmacht. Sterilität versus Unberechenbarkeit. Denn dort mischen sich neben den notierten Dissonanzen - etwa beim „Boléro“ im Konzertfinale - „Störgeräusche“. Glockengeläut, Vogelgezwitscher und das Bellen des Nachbarhundes wurden hingenommen, landende Flugzeuge, aber vor allem das Discoboot auf dem nahen Fluss sorgten eher für grenzwertige Erfahrungen. Es war kein Abend für Puristen, eher einer für Menschen, die in lässiger Atmosphäre Klassik erleben wollen. Nicht ganz unwichtig für den Hessischen Rundfunk: ihr „Neuer“ ist beim Orchester und den Frankfurtern auf Anhieb angekommen.

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