Weichensteller zur Moderne

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Christian Tetzlaff ging im Kurhaus Wiesbaden Mendelssohns Violinkonzert e-Moll auf den Grund.

Allerweltsprogramme sind nicht sein Ding. So kamen bei Ingo Metzmacher, der mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin im Wiesbadener Kurhaus gastierte, Debussy, Schreker und Anton Webern zu vorzüglichem Ton, allesamt Weichensteller zur Moderne aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.  Von Klaus Ackermann

Ein unbedingter Gestaltungswille verbindet den viel gefragten Dirigenten zudem mit dem Geiger Christian Tetzlaff, der gewohnt akribisch Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll auf den Grund ging, im Jahr seines 200. Geburtstags ein Bestseller.

Es muss nicht immer italienisches Klangholz sein. So spielt der in Bad Homburg lebende Tetzlaff ein Instrument aus der Werkstatt des Bonner Geigenbauers Stefan-Peter Greiner, das den Vergleich mit den ehrwürdigen Stradivaris nicht zu fürchten braucht. Ideal disponiert fürs leidenschaftliche Aufbegehren und die gesangliche Linie des Mendelssohn-Konzerts.

Expressiver Ton und Virtuosität kennzeichnen schon das Eingangs-Allegro, dessen Seitenthema melodisch einer Wellness-Kur gleichkommt. Mit grüblerisch anmutenden Übergängen geht es satzpausenlos in eine Romanze über, die empfindsam aufgeladen wird, das Berliner Orchester und sein Violin-Vorspieler wie in einer Atemkurve.

Luftig und mit viel Klangduft dann das Rondo-Finale, ein immer kontrollierter virtuoser Wirbel. Denn Metzmacher und Tetzlaff sind Kopfarbeiter, verlieren freilich nie den musikantischen Schwung. Das belegt selbst die Zugabe, Johann Sebastian Bachs Loure aus der Partita Nr. 3 für Violine solo.

Ohne Taktstock aber mit hoher Schlagfrequenz

Vorausgegangen ist die Passacaglia für Orchester, Opus 1 des Schönberg-Schülers Anton Webern, hier partiell noch auf spätromantischem Kurs. Das Passacaglia-Thema ist nicht nur rhythmisch durchgängig, sondern wird auch durch die Orchesterstimmen gereicht. Mahlers späte Sinfonien scheinen klanglich nahe, ein steter dramatischer Anstieg, von Metzmacher gnadenlos auf den Fortissimo-Punkt gebracht, der ohne Taktstock, aber mit hoher Schlagfrequenz dirigiert.

Die seelischen Befindlichkeiten eines Opernhelden spiegelt das Nachtstück aus „Der ferne Klang“ von Franz Schreker, ein Psychodrama, das der vormalige Dirigent des Frankfurter Ensemble Modern mit all seinen Härten, aber auch mit seinen sinnlichen betörenden Klangmomenten vorführt.

Schließlich ein Debussy mit klarer Kontur noch in schillernder Klangchemie: „Sinfonische Skizzen“ nannte der Impressionist sein dreiteilig angelegtes Orchesterwerk „La Mer“, den Ozeanen ein klangliches Denkmal setzend, „Von der Morgendämmerung bis zum Mittag“ als „Spiel der Wellen“ und als „Zwiegespräch von Wind und Meer“.

Auch hier grundiert Metzmacher deutlich, kann sich auf solistisch sehr bewegliche Orchestersektionen verlassen – und weckt so immer neue Assoziationen. Etwa an eine verkappte Valse oder eine finale Festmusik.

Dennoch ist das Meer auch in dieser die sinfonischen Bezüge deutlich herausstellenden Wiedergabe stark präsent. Ob nun im Kräuseln der Wellen via Holzbläser und Harfen-Glissandi, im Pfeifen des Windes oder im keckernden Möwenschrei. Dank Metzmacher und des hoch motivierten Deutschen Symphonie-Orchesters eines der originelleren Konzerte des Rheingau Musik Festivals.

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