Wie Weihnachten und Ostern zusammen

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Chris Murray spielt im Musical „Jesus Christ Superstar“ sehr überzeugend und stimmgewaltig Jesus von Nazareth.

Ja ist denn heut’ schon Weihnachten? Dickbauchige Zipfelmützenträger mit weißem Rauschebart und roter Robe stürmen die Bühne des Großen Hauses im Staatstheater Darmstadt. Im Schlepptau haben sie riesige Plüsch-Osterhasen und freizügige Playboy-Bunnys. Von Ina Gerbig

 „Raus“, schreit eine weiße Lichtgestalt ins muntere Getümmel: Es ist Jesus von Nazareth, der die Händler aus dem Tempel vertreibt, die Feiertage zum kommerziellen Renner gemacht haben. Das Musical „Jesus Christ Superstar“ legte 1971 den Grundstein für Andrew Lloyd Webbers Karriere als Komponist der leichten Musical-Muse. Jetzt feiert das Stück in einer Inszenierung der Darmstädter Tanztheater-Chefin Mei Hong Lin wieder Erfolge.

Ob das Thema sich für ein Musical eignet, muss heute nicht mehr diskutiert werden. Spätestens wenn der erste Ton aus Chris Murrays Kehle kommt, hält sich das Publikum nicht mehr mit solchen Fragen auf, sondern lauscht dem beeindruckenden Gesang des Titelhelden, immer präzise, klar und emotionsgeladen.

Weitere Vorstellungen am 27. März, 3., 9., 11., 18. und 24. April jeweils um 20 Uhr, am 26. April um 18 Uhr im Staatstheater Darmstadt

Die letzten sieben Tage des Lebens von Jesus Christus spielen sich in der Gegenwart ab. Knallige Lichteffekte, riesige Choraufmärsche und flotte Tanzeinlagen gehören in Darmstadt dazu. Bei seiner Verhaftung hält ein Fernsehteam jeden Knüppelschlag der Polizisten mit der Kamera fest. Selbst Judas wirft sich in „angemessene“ Kleidung und tanzt mit goldenem Cowboyhut über die Bühne. Herodes verspottet Jesus, indem er mit den Showgirls Cancan tanzt und ihm den Stock auf die Brust setzt.

Jesus taumelt und fällt in Richtung des Publikums, das äußerst nah an seinem Schicksal teilhaben kann. Dies ist der ausgeklügelten Bühnengestaltung von Thomas Gruber zu verdanken, der die Spielfläche den Zuschauern entgegen geneigt hat. Das Kreuz erhebt sich, umrandet von Neonröhren, in massiver Größe aus dem Bühnenboden. Als der Titelheld dort anlangt, verklingt die von Lloyd Webber angerührte Mischung aus Oper, Gospel, Rock und 70er-Pop – lediglich die lauten Hammerschläge sind am Ende noch zu hören. Es wird leise: Jesus verstummt, Jesus stirbt.

Im Kopf des Zuschauers aber bleiben die eindrücklichen Stimmen des Staatstheater-Chors haften, von Sigrid Brandstetter (Maria Magdalena) und natürlich von Chris Murray, der sowohl schauspielerisch als auch gesanglich überzeugt. Die bunten Kostüme und grellen Lichter blitzen noch im Auge als der Vorhang fällt. Das Publikum dankt den Darstellern minutenlang mit Bravo-Rufen und Ovationen. Denn die Bilder, die Mei Hong Lin vom Staatstheater Darmstadt geschaffen hat, und die Stimme von Murray wirken lange nach.

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