Don Dino schlägt sie alle

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Dean Martin

Die Vorweihnachtszeit ist in vollem Gange. Die Weihnachtsmärkte hoffen auf kommende, kältere Tage, um den Glühweinumsatz zu steigern, Menschen rennen konsumtüchtig durch die Innenstädte auf der Suche nach passenden Weihnachtsgeschenken und der Nikolaus war auch schon da. Wer trotz Wham´s „Last Christmas“ und anderer Weihnachtsklassiker im Radio immer noch nicht in Weihnachtsstimmung ist, dem kann vielleicht mit einer Reihe von Weihnachts-CDs geholfen werden. Von Heiko Große

Denn die wahren Weihnachtsklassiker der Musik sind es doch, die erst den passenden Rahmen zu Lebkuchen, Schokonikolaus und Christstollen schaffen. Wer will denn schon wirklich auf Mariah Carrey´s „All I want for Christmas“ verzichten, ungeachtet dessen, ob man die Musik der Diva generell schätzt oder eher nicht? Und die Bandbreite der weihnachtlichen Musikauswahl ist abwechslungsreicher, als die eintönigen Radio-Programme mit ihrer Dauerwiederholung der ewig selben Klassiker.

Den Anfang des Reigens macht kein geringerer als Dean Martin (eigentl. Dino Paul Crocetti). Der 1995 verstorbene Haudegen des legendären Rat Pack beweist, dass er seinem Trink- und Sing-Kumpel Frank Sinatra in Stimmgewaltigkeit und Charme keineswegs nachstand. „My Kind of Christmas“ ist ein echter Klassiker und bietet nicht nur Martin´s Varianten zahlreicher bekannter Weihnachtssongs, sondern auch seine ganz eigenen Werke, die auch unabhängig von Merry Christmas wunderbar authentisch den Geist seiner Zeit widerspiegelt. Seine eigenen Lieder, wie auch die Klassiker vorgetragen im Whisky-Klang seines italo-amerikanischen Charisma lassen einen schnell die lebhafte Biografie des Entertainer und Schauspielers vor dem inneren Auge neben Schneelandschaften und Christbäumen auftauchen. Und welche Dame würde nicht den Gentleman-Avancen des Grande Chameur folgen, wenn er sie wie in „Baby, it´s cold outthere“ zum doppeldeutigen Bleiben auffordert?

Dass Martin ursprünglich bis zu seinem 5. Lebensjahr nur Italienisch sprach und sich später stark akzentuiert durch die High School quälte und diese dann abbrach, hört man auf dieser CD nicht raus. Seine Zeit als Preisboxer im Weltergewicht, als Alkoholschmuggler während der Prohibition und als Croupier im Casino verschwimmt ebenso mit dem Weihnachtszauber, wie auch seine wahrscheinlichen Verbindungen zu Mobstern der Mafia. Unvergessen seine Komiker-Karriere an der Seite von Jerry Lewis und seine Zeit als großer Entertainer und Schauspieler im Rat Pack. Und dass er ein echter Entertainer war, das hört man auch auf „My kind of Christmas“ immer wieder. Diese Sammlung aus verschiedenen seiner Weihnachtsalben (wie „My Christmas“ und „Christmas Album“, nur leider nicht aus dem Werk, dass er mit Nat „King“ Cole aufgenommen hat) gibt mit den Klassikern „Let it snow“, „Winter Wonderland“ oder „White Christmas“ den Beweis ab, dass diese Lieder gut sind, aber durch den richtigen Interpreten erst unsterblich werden. Auch wenn der Konkurrenzdruck groß ist, nur wenige brillieren so wie Dean Martin.

The Temptations

So kommen auch zwei weitere Werke aus dem Motown-Hause nicht an den italo-amerikanischen Charme heran, auch wenn sie sich sehr bemüht haben. Neben den Jackson 5 haben auch die Temptations und die Four Tops ihre soulige Variante von diversen Weihnachtsklassiker abgeliefert, doch bleiben sie dabei qualitativ nur im Mittelfeld. Bei den Temptations zeigt die Verbindung diverser Songs von „Christmas Card“ (1970) und „Give Love at Christmas“ (1980) leider nicht die Genialität ihrer Zeit als souliges Vokalquintett wieder, die sie mit „Papa was a rollin stone“ oder „I wish it would rain“ schufen. Die Songs wirken zu glatt, wenn auch eigenständiger und weniger oberflächlich verschmalzt, als bei den Varianten der Four Tops. Das Detroiter Soul-Quartett kann mit der x-ten Neuauflage des Albums „Christmas here with you“ (1995) einfach nicht begeistern, zu glatt, zu ölig, zu konservativ klingt der Sound. Im Vergleich zu den Varianten der Jackson 5 wirken die vier Detroiter genauso wie die Temptations einfach nicht lebhaft genug.

Doch um die Fahne der afroamerikanischen Musikwelt hochzuhalten, sei zu guter Letzt noch eine unbedingte Empfehlung ausgesprochen: „Santa wants some lovin´“ bietet das, was die Motown-Kombos hätten liefern sollen. 21 funky-groovige Soul-Versionen von Weihnachtsklassikern wie auch zahlreiche Eigenkreationen bieten wirklich die Möglichkeit „to heat up your Holidays“ wie das Cover verspricht. Hier sind viele Werke drauf, wie von Albert King mit seinem Titel-gebenden Song, die auch unabhängig von Weihnachten hörenswert sind. Fans von BB-King & Co. werden hier vorzüglich bedient. Wer also dem vorweihnachtlichen Alltagstrott musikalischer Dauerwiederholungen im Radio entgehen will, dem bieten diese und andere Neuerscheinungen (z.B. Frank Sinatra, Supremes oder Stevie Wonder) genug Ausweichmöglichkeiten. Und wer dann noch weihnachtsmuffelt, weil es im Lande leider (noch) nicht aussieht wie am Nordpol, dem kann keiner mehr helfen. In diesem Sinne: Have yourself a merry little X-Mas!

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