Stille Nacht der leisen Töne

Wieder Weihnachts-Lounge im Capitol

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Offenbach - Winterzeit ist Weihnachts-Lounge-Zeit. Alle Jahre wieder erfreut die Neue Philharmonie Frankfurt die Offenbacher im Capitol. Erneut hat Ralph Philipp Ziegler ein schönes adventliches Programm zusammengestellt. Bewährtes mischt sich darin mit Neuem. Von Markus Terharn

Oder mit selten, in Offenbach vermutlich nie Gehörtem. Da ist zum Beispiel die Värmlandrhapsodie von Kurt Atterberg, Huldigung an die Heimat seiner schwedischen Landsmännin Selma Lagerlöf, geschrieben 1928 zum 70. Geburtstag der Literaturnobelpreisträgerin. An Werke des Norwegers Edvard Grieg erinnernd, zeichnet sie ein Bild nordischer Landschaft, das dem Orchester Gelegenheit gibt, in allen Klangfarben zu glänzen. Johannes Klumpp am Pult hat die Instrumentengruppen feinnervig aufeinander abgestimmt.

Zwei Komponisten, die der Hauskapelle verbunden sind, haben eigens zur Feder gegriffen. Patrick Bishay hat einen Lagerlöf-Text zur Flucht nach Ägypten als packendes Melodram gestaltet, das besonders die Schlagzeugerin an Glocken und Becken stark fordert. Als Rezitator beeindruckt Sprecher und Schauspieler Helmut Krauss mit gestochener Diktion. Und Jens Troester hat das allseits beliebte „Stille Nacht“ zu einer Fantasie verarbeitet, die den unvergänglichen Ohrwurm mal sich im Walzertakt wiegen, mal im Bolerorhythmus tanzen, mal in wagnernder Meistersingermanier schreiten lässt. Mitreißend!

Melomanen kommen mit Winterlied und Wiegenlied von Engelbert Humperdinck auf ihre Kosten: Dankbare Partien für den Mezzosopran von Judith Berning, in Offenbach auch noch unter ihrem Geburtsnamen Reichenbach geläufig. Der Spätromantiker leitet zudem in Teil zwei die „Christnacht 1914“ ein, eingerichtet von einem weiteren Bekannten, Marco Jovic. In Briefen eines deutschen und eines englischen Soldaten erzählt erneut Helmut Krauss vom denkwürdigen Fest der ersten Kriegsweihnacht, von verfeindeten Soldaten teils gemeinsam begangen. Daran erinnert die Oper „Silent Night“ von Kevin Puts, in deren Anna-Arie Judith Berning zu großer Form findet.

Weihnachtsbäume der OP-Leser

Weihnachtsbäume der OP-Leser

Transzendente Momente beschert Olaf Joksch mit drei Stücken aus Olivier Messiaens „Geburt des Herrn“. Die Dr.-Marschner-Orgel besteht ihre Taufe mit Bravour: Wer die Augen schließt, mag sich in einer Kirche – oder einer Synagoge – wähnen. Höhepunkt und Abschluss ist Peter Tschaikowskys Suite „Mozartiana“, Wiener Klassik in russischen Wohllaut überführend und Konzertmeister Ralf Hübner einige wundervolle Violin-Soli gewährend. Und dann darf das Publikum selbst singen. Zwar nicht das Leitmotiv des frühen Sonntagabends, „Stille Nacht“, aber „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Nun kann’s Weihnacht werden...

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