Aufgebot geballter Tradition

Frankfurt - Mit so geballter Tradition ist der Hörer in der Alten Oper Frankfurt selten konfrontiert – ein Chor mit 800-jähriger Geschichte, ein Orchester, dessen Wurzeln bis ins 15. Jahrhundert reichen, überbrachten das Bachsche Weihnachtsoratorium aus seinem Entstehungsort Leipzig. Von Eva Schumann

Doch verstaubt wirkte die Aufführung der Kantaten I-III und VI durch den Thomanerchor und das Gewandhausorchester nicht im geringsten.

Schon der Eingangschor ertönte in lebendiger Frische und bereitete auf einen unpathetischen Musikstil vor. Thomaskantor Georg Christoph Biller verlieh ihm einen tänzerisch leichten Duktus. Insgesamt verband die Aufführung historisch informiertes Musizieren mit modernen Klangvorstellungen. Bach, der schon um zuverlässige Besetzung von zwei Knaben pro Stimme betteln musste, hätte seinen 16. Nachfolger wohl um das halbe Hundert Thomaner beneidet. Trotz dieser Stärke blieb der Klang schlank und flexibel. Ebenso vielfältig wie die Chöre gestaltete Biller die Choräle. „Ich steh an Deiner Krippen hier“ wurde leise und andächtig, „Brich an, o schönes Morgenlicht“ strahlend hell und mit stark differenzierter Dynamik gesungen.

Dem Chor stand ein Kammerensemble gegenüber. Es sorgte ebenso für Klangfülle wie für Ausgewogenheit und nahm sich gegebenenfalls flexibel zurück. Geradezu ideal führte der Konzertmeister bei seinem Violinsolo zur Arie „Schließe, mein Herze“ den Dialog mit der Altistin, behutsam trotz aller Virtuosität. Ein stimmlich und gestalterisch durchweg beglückendes Ensemble von Vokalsolisten vervollkommnete die Aufführung. Maximilian Schmitt trug mit lyrischem, fülligem Tenor den Bericht des Evangelisten vor, einfühlsam, ohne opernhafte Übertreibung, mühelos in der Höhe. Die Tenor-Arien übernahm mit barockem Timbre und unerschütterlicher Koloraturensicherheit Wolfram Lattke. Die Sopranpartie übertrug Biller nicht einem, sondern drei Knaben. Panajotis Iconomou sang die Bass-Rolle kraftvoll und geschmeidig. Sophie Harmsen interpretierte die Altpassagen mit warmem Timbre, flexibler Stimme und stilsicherer Expressivität. Ihre mit Empfindung und Zärtlichkeit gesungenen Arien waren anrührende Höhepunkte.

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