Wenn das Uns in Bedrängnis gerät

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Wynton Marsalis

Das neue Album des amerikanischen Jazz-Trompeters Wynton Marsalis ist die Musikwerdung des ewigen Zwischenspiels von Mann und Frau. „He and She“ heißt das Werk, das wortreich beginnt und endet. In Versen kündigt Marsalis an, wovon die Musik erzählt. Von Jenny Westphal

Es ist eine fabelhafte Liebesgeschichte, wie sie sich eigentlich tagtäglich begibt, die Wynton Marsalis erzählt. Ganz simpel „He and She“ heißt das fünfte Blue-Note-Album des Jazz-Trompeters aus New Orleans. „He and She“ ist ein euphorisches, ein nachdenkliches, ein melancholisches, ein sehnsüchtiges Werk - es ist die Musikwerdung der universalen Geschichte von Mann und Frau, die einander suchen, zueinander streben, aber selten in Harmonie verweilen können.

Das neue Album von Wynton Marsalis „He and She“.

„He and She“ beginnt mit dem gesprochenen Wort, durch das Album ziehen sich von Marsalis selbst vorgetragene Passagen, Verse eines von ihm geschriebenen Gedichtes. In ihnen deutet er an, wovon seine Musik erzählt. Von der ersten Begegnung, dem Werben, dem ersten Kuss. Ebenso von den Zweifeln, der Unsicherheit, der Angst, die Gefühle werden nicht gespiegelt. Wer Walzer-Anklänge heraushört, liegt keineswegs daneben. Der einst als frivol geltende Balztanz und seine Ausprägungen im Jazz brachten Marsalis zum Nachdenken über Walzer, über den Wiener Opernball, über Mann und Frau und über Beziehungen. „Valse Hot“, ein Jazzwalzer von Sonny Rollins, hatte den Amerikaner auf die Idee gebracht, ein Album mit Walzern zu bestücken. Daraus ist eine Scheibe entstanden, die ebenso spannungsgeladen ist wie die Beziehungen zwischen den Geschlechtern.

„He and She“ ist keine Musik für Frischverliebte, Marsalis geht über den schwärmerischen Rausch des ersten Moments weit hinaus, blickt dahinter – dorthin, wo es anfängt, schwer zu werden, wenn nicht sogar unmöglich. Wenn aus dem rosaroten Uns wieder Ich und Du deutlich hervortreten, wenn Ich und Du wieder Raum beanspruchen - für sich allein. Das Uns gerät in Bedrängnis. Auch davon erzählt Marsalis. In dem Moment wird dem Zuhörer klamm ums Herz, wenn er die Schwere der Uns-Bürde erkennt, wenn der Konflikt, die Disharmonie die Oberhand gewinnen. Und doch spricht der Musiker mit einer Leichtigkeit, die einem Hoffnung macht, dass das Uns nicht ganz verschwinden muss, dass es eine Chance hat, neben Ich und Du dauerhaft zu existieren. Wenn die beiden ihren Einklang finden.

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