Wenn am Freitag die City pulsiert

Manchmal ist der Sound der Großstadt einfach bloß ein nerviger Lärm. Man muss sich nur mal vormittags vor das riesige, ein bisschen furchteinflößend wirkende UFO-Gebäude im Fechenheimer Industriegebiet stellen: Jedes zweite Auto, das hier vorbeifährt, ist ein dröhnender Laster. Von Markus Wölfelschneider

Jede Verkehrsbewegung verursacht einen leichten Kopfschmerz. Im Büro von Big City Beats, erster Stock, direkt über Sven Väths Cocoon Club, merkt man von dem Tumult jedoch wenig.

Hier oben dröhnt nichts. Im Gegenteil. Chillige Musik klingt durch die Luft im Loft, das Ambiente ist bunt, die Atmosphäre freundschaftlich. Für DJ Steve Blunt wird gerade eine Käse-Sahne-Torte angeschnitten, weil er Geburtstag hat. Ein Teil der sieben Big City Beats-Mitarbeiter sitzt im Flur beieinander und feiert. Nur Bernd Breiter, der Geschäftsführer, ein sympathischer Enddreißiger mit löchrigen Jeans, Dreitagebart und unspektakulär schwarzem Pulli, hat sich in den gläsernen Konferenzraum zurückgezogen. Auf einem der Ledersofas schlägt er die Beine übereinander, bereit zu erzählen, wie alles begann. An der Wand hinter ihm funkeln Gold- und Platinschallplatten, die er in den Neunzigern als Songschreiber und Co-Produzent für House-Musik-Projekte wie „Magic Affair“ eingeheimst hat. „Das Omen 3“ hieß einer seiner größten Hits – eine Nummer eins in den deutschen Charts. Vom Erfolg befeuert, gründete Breiter, gelernter Kaufmann und Pianist, einen Musikverlag.

Um das Jahr 2000 kam die Krise. „Irgendwann ging das mit den illegalen Downloads los, die große Löcher in die Budgets der Plattenfirmen fraßen. Außerdem wurde Clubmusik in den Medien plötzlich als Auslaufmodell gehandelt, obwohl es ja definitiv eine Massenbewegung ist“, sagt Breiter. Neue Ideen mussten her. Und große Emotionen.

Am Anfang der Big City Beats, Breiter nennt sie liebevoll auch Großstadtschläge, stand ein Gefühl. „Es ist dieses Freitagnachmittaggefühl, wenn es in dir zu kribbeln beginnt, weil du merkst, dass bald Wochenende ist. Die Stadt da draußen fängt an zu pulsieren und du streifst erst all die Konventionen des Alltags ab und dann streifst du durch den Großstadtdschungel.“ Genau vor fünf Jahren ist es Bernd Breiter gelungen, dieses Gefühl in eine Radiosendung zu verpacken und auf Big FM zu etablieren. Allerdings samstags.

Das Konzept war nicht neu, wurde aber wirkungsvoll umgesetzt: Live aus den Clubs der Nation oder dem Studio spielen angesagte DJs ihre House-Music-Sets direkt in die Wohnzimmer jener Nachtschwärmer, die es nicht in den Club geschafft haben. Größen wie Roger Sanzech und Carl Cox konnten für das Projekt gewonnen werden – der erste war Steve Blunt aus dem King Kamehameha Club. Hinter der Konferenzraumscheibe beißt er gerade in seine Torte.

Mit der Zeit mauserten sich die Big City Beats von der reinen Radioshow zur umfassenden Marke für elektronische Tanzmusik: Neben einem Onlineportal, einer deutschlandweiten Partyreihe und einem Plattenlabel für die eher weniger kommerziellen Spielarten des Genres, sind die im Halbjahresrhythmus erscheinenden „Big City Beats“-Compilations das Vorzeigeprodukt des Hauses: Auf fast jedem Cover der mit House-Tracks bespielten Doppel-CDs sieht man eine scharf geschnittene Großstadtsilhouette, vor der ein Mädchen posiert – meist in Hot-Pants und mit glitzernden Augenlidern: Wohl fast jeder Deutsche unter dreißig hatte so eine CD schon mal in der Hand. Die zehnte Ausgabe kommt im April.

Zunächst aber gibt es morgen ab 22 Uhr eine Jubiläumssause im Cocoon Club. Mit dabei ein Stargast: Darren Bailie vom Guru Josh Projekt bekommt für seinen Hit „Infinity 2008“ eine Platin-Schallplatte verliehen.

Erst dort wird Breiter auch verkünden, wie es mit den Big City Beats weiter geht – vor ein paar Monaten wurde die Radioshow eingestellt, taucht aber an anderer Stelle in neuem Gewand wieder auf.

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