Werner Fürsts Lauterborn-Klavierabend

Abschied mit Tastenwirbel

Offenbach - Zum Ende seiner jahrzehntelangen Musikreihe „Lieder und Töne“ bereitete Werner Fürst den Zuhörern in der Evangelischen Lauterborngemeinde ein unvergessliches Abschiedsgeschenk. Von Reinhold Gries

Ob es Jean Philipp Rameaus „Suite e-Moll“ war, Franz Schuberts „Drei Klavierstücke D946“ oder Johannes Brahms’ geniale Klaviersonate Nr. 3 op. 5: Fürst warf alles hinein, was er an pianistischem Potenzial, Sensibilität und Energie zu bieten hat.

Sieben Tänze und Charakterstücke aus Rameaus „Piéces de Clavecin“ von 1724 bildeten den Auftakt, den Fürst formsicher mit spätbarocken Harmonien, graziösen Tanzrhythmen und originellen Genrebildern ausstattete. Die wirkten am Flügel naturgemäß vollklingender als am Cembalo. Hoch inspiriert ging Fürst in der Allemande und Gigue en rondeau zu Werke, bevor er im Quartengezwitscher von „Le Rappel des Oiseaux“ das erheiternde Bild eines Vogelschwarms malte.

Wirbelnder Schluss

Nach fröhlichem Rigaudon-Tanz ging es zur klangseligen Musette und rhythmischem Tambourin mit wirbelnder Schlusssteigerung. Brillant auch Fürsts Charaktergemälde „La Villageoise“ einer schüchternen Dorfschönheit.

In neue Bahnen lenkten Schuberts lange vergessene Klavierstücke von 1828, die radikal mit der Klassik brachen. Wie hochromantisch das geschah, demonstrierte Fürst schon im es-Moll von Nr. 1, bei dem er zwischen energischen Steigerungen, Sprüngen und Aufhellungen gefühlvoll die Stimmung eines einsamen Bekenntnisses auslotete. Voll in seinem Element setzte er Gravitätisches gegen Treibendes und Träumerisches gegen Kraftvolles. Im Es-Dur des zweiten Stückes kostete er Romanzen aus, um sie ins Dramatische zu wenden oder ins Liedhafte zurückkehren zu lassen. Das C-Dur-Allegro modulierte Fürst mit fast minimalistischer, für Schubert untypischer Tonfolge durch.

„Verschleierte Symphonie“

Ein neues Portal öffnete der Tastenkünstler auch im rhapsodisch beginnenden Allegro maestoso der Brahms-Klaviersonate von 1853. Was selbst in lyrischen Seitensätzen mit ausschweifender Harmonik imponierte, nennt man zutreffend „verschleierte Symphonie“. Wie von Zauberhand gespielt dabei Fürsts silbriges Nocturne zu „Der Abend dämmert, das Mondlicht scheint“. Auch das „pianissimo misterioso“ zu Sternaus „Da sind zwei Herzen in Liebe vereint“ hätte kaum zarter sein können. Aber Fürst vermied gefühlsmäßige Überfrachtung – und kam selbst im dreifachen Forte ohne Bombast aus.

Mit Tiefblick arbeitete er aus dem Scherzo tragische Aspekte heraus, die sich im melancholischen „Intermezzo“ und „Rückblick“ des vierten Satzes fast zum Trauermarsch wandelten. Im Finale überwand er fast übermächtige Resignation, wendete Moll in Dur, steigerte sich in Läufen, Fanfaren und Hymnen zu rasantem Tastenwirbel. Werner Fürst sollte bis zum nächsten Soloabend nicht wieder 18 Jahre warten…

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare