„Alles Walzer?“

Wiegende Weisen und Knallpointen

Nicht alles im Dreivierteltakt ist gleich ein Walzer! Die Erkenntnis nahm das Publikum zweier sehr gut besuchter Konzerte beim Rheingau Musik Festival mit. Unter dem Motto „Alles Walzer?“ machten die Österreichischen Salonisten bekannt mit wiegenden Weisen unterschiedlicher Herkunft von oft überraschender Tanzbarkeit.

Gemütliche Kaffeehaus-Atmosphäre kam in der riesigen Reithalle des Kelkheimer Rettershofes, in die der Abend der kühlen Witterung wegen verlegt worden war, nicht auf. Den Musikern war das nicht anzulasten; sie gaben ihr Bestes: Duftig und zart geriet einleitend Tschaikowskis „Blumenwalzer“. Solistisch glänzten Peppone Ortners Klarinette und Wieland Nordmeyers Klavier in „Valse à Titi“ von Häns’che Weiss. Überraschend nah am sinfonischen Originalklang, denkt man sich das Blech weg, das von Gerrit Wunder arrangierte skurrile Scherzo aus Bruckners Neunter, beginnend mit wilden Pizzicati der Geiger Peter Gillmayr und Hansi Gstöttner, fortgesponnen in grummelnden Staccati von Cellistin Judith Bik und Bassist Markus Kraler. Virtuoser Höhepunkt war die Wal zerfolge aus Strauss’ „Rosenkavalier“ zwischen sanglicher Süße und schrägem Melos. In Piaf-Chansons ohne Worte war das Ensemble so sattelfest wie in Rota-Filmmusik.

Unbefriedigend fiel die textliche Seite aus. Den feingeistigen Feuilletons des Kaffeehausliteraten Alfred Polgar und des Kabarettisten Armin Berg tat die Wiener Schauspielerin Julia Stemberger regelrecht Gewalt an. Konsonanten knallten, Vokale wurden überdehnt, sie übertrieb Betonung und Lautstärke. Die Pointen fanden Lacher – aber weniger wäre mehr gewesen. MARKUS TERHARN

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