Woodstock ließ grüßen

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Woodstock ließ grüßen beim Abschluss des 40. Deutschen Jazzfestivals im hr-Sendesaal.

Frankfurt - Mit einem kollektiven Powerplay begann Anthony Braxtons Diamond Wall Power Trio seinen Auftritt. Weitergehen sollte es aber ganz anders. Der Saxofonist und Multiinstrumentalist lehnt den Begriff Jazz als zu einengend ab. Von S. Michalzik

In der Tat geht es auch bei seinem derzeitigen, mit zwei jungen New Yorker Musikern besetzten Trio wiederum um eine freie Spielweise, die in einer Affinität zur zeitgenössischen neutönerischen Musik steht.Der weitere Verlauf des Konzerts am zweiten Abend des 40. Deutschen Jazzfestivals im Sendesaal des Hessischen Rundfunks stand vor allem im Zeichen der Fragmentierung. Manches bewegte sich am Rande der Hörbarkeit. Braxton und der Trompeter Taylor Ho Bynum reduzierten den Ton vielfach auf die Form des Geräuschs. Gitarristin Mary Helvorson macht in produktivem Dilettantismus Dinge, die in keiner Gitarrenschule stehen.

Eine abgestandene Avantgarde

Von der Musik des 24 Jahre jüngeren Kasper Ewald lässt sich das nicht sagen. Beim Schweizer Komponist und Arrangeur ist Struktur alles. Sein Ensemble ist eine heimliche Bigband. Es formiert sich im Halbkreis, in der Mitte ist die Sängerin Ragule Schneider postiert. Das Orchester spielt Riffs, die dem Rhythm’n’Blues und Funk gleichermaßen verpflichtet erscheinen wie dem musikalischen Minimalismus. Es bleibt der Eindruck einer abgestandenen Avantgarde.

Zwei Tenorsaxofonisten reiben sich, sie fordern sich, suchen sich indes keineswegs zu übertrumpfen: Das ist die Situation beim Quartett um David Liebman und Ellery Eskelin, bei dem Bassist Toni Marino und Schlagzeuger Jim Black weit mehr sind als nur Rhythmusknechte. Liebman ist für einen hohen dynamischen Differenzierungsgrad bekannt, derweil Eskelin weniger linear spielt und immer wieder die Symmetrieverhältnisse ins Wanken bringt.

Hommage an die Hippie-Ära

Unter dem Signum „Woodstock-Vibes“ hatten die Programmmacher für den letzten Tag Bands eingeladen, die sich mit der musikalischen Hinterlassenschaft der Hippie-Ära auseinander setzten. Das World Saxophone Quartet, 1976 gegründet und die Mutter aller Ensembles in dieser Besetzung, ist nach wie vor über jede Befürchtung erhaben. Neben den Gründungsmitgliedern Hamiet Bluiott (Bariton), Oliver Lake (Alt) und David Murray (Tenor) besetzt mit den sich auf der gleichen lichten Höhe bewegenden Toni Kofi (Alt), besticht das schwarze Quartett mit einer messerscharf abgestimmten kollektiven Improvisation. Hier wird eben nicht mehr oder weniger kunstvoll nachgespielt, sondern man schafft etwas völlig Eigenständiges.

Aldo Romano rockte zu wenig

So war denn auch der Auftritt des italo-französischen Schlagzeuges Aldo Romano mit seinem Flower Power Trio, das eine Spätsechziger-Radiohitkollektion kaum mehr als brav und in miserabler Abstimmung herunterzockte, rasch vergessen. Zum versöhnlichen Ausklang nahm sich die hr-Bigband mit dem Starsolisten David Sanborn am Altsaxofon unter der Leitung des Arrangeurs Michael Philip Mossman der Latinrock-Klassiker Carlos Santanas an. Für viel perkussives Feuer war gesorgt. Und Sanborn, Großmeister der Unverbindlichkeit, hat fast überhaupt nicht gestört. Die Gage freilich hätte man sich sparen können. Schließlich hat die hr-Bigband doch einen Tony Lakatos in den eigenen Reihen.

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