Wunderbarer Trüffelsucher

Musikalische Bearbeitungen sind immer einesteils Verneigungen vor dem Ursprungskomponisten und zugleich Überschreibungen im Geiste des Bearbeiters und seiner Zeit. Zum nahenden Ausklang des Händel-Jahres beschäftigte sich Olaf Joksch an der Oberlinger-Orgel von St. Paul in Offenbach mit Händel und seinen Bearbeitern in der Romantik. Von Stefan Michalzik

Die Romantik ist für manche zu spät geborene Komponisten eine Epoche, die historisch bis tief ins 20. Jahrhundert reichte. Arno Landmann, Jahrgang 1887, 1966 verstorben, schrieb seine Variationen über ein Thema von Händel wie wenn es Mahler und seine Tendenz zur Auflösung der Tonalität nicht gegeben hätte. Die Tonalität hat zwar auch der zehn Jahre früher geborene Sigfrid Karg-Elert nicht gebrochen, doch war der erst in den späten 1970er Jahren vor allem durch den Einsatz des Organisten Wolfgang Stockmeier wieder der Vergessenheit entrissene Urheber von beinahe 200 Orgelstücken schon ein Stück weiter. Der 1933 in Leipzig gestorbene Komponist und Musiktheoretiker ist nach einer anfänglichen künstlerischen Verbundenheit mit Debussy, Schönberg und Skrjabin zu dem traditionalistischen Ansatz Max Regers übergeschwenkt. Seine „Hommage to Handel“ lässt ein hohes Maß an Radikalität des kompositorischen Ansatzes erkennen. Zu seinem Ende hin kulminiert das Stück in Momenten des formbewussten Lärms, die von einer verstörenden Wirkungsmacht sind.

Trüffelsucher abseits des gängigen Repertoires

Im 19, Jahrhundert hatte sich die Orgelmusik der französischen Schule vom sakralen Zusammenhang abgelöst zugunsten einer weltlichen Orgelsinfonik. Eine nicht unwichtige Rolle hatte dabei der heute im Repertoire eher randständige Alexandre Guilmant gespielt – der freilich an diesem Abend mit seinem trauermarschartig gemessenen „Marche Religieuse – sur une theme de Händel“ an diesem der einzige Komponist mit einem unmittelbar religiösen Bezug gewesen ist. Der Brite William Thomas Best hat Händels Orgelkonzert in g-Moll gleichsam umkoloriert: Schlagwortartig gesprochen von einer „objektiven“ zu einer dem subjektiven Impetus verpflichteten Klangsprache.

Olaf Joksch hat mit diesem Konzert seine Position als wunderbarer Trüffelsucher abseits des gängigen Repertoires bestätigt. Als Interpret verbindet er auf eine bewundernswerte Weise Intellekt, Gefühl und Technik. Ein klar strukturierendes Spiel und eine virtuose technische Brillanz, die auch anspruchsvolle Passagen mühelos erscheinen lässt, zeichnen ihn aus.

Kommentare