Wunderkind ist längst erwachsen

Frankfurt - Wenn er sich ein wenig eckig gen Flügel bewegt und sich so steif verbeugt, als habe er einen Stock verschluckt, dann ist das pure Dressur. Doch sobald Kit Armstrong am Klavier sitzt und die Tasten bearbeitet, wirkt das so natürlich, als gebe es keine konzertanten Rituale. Von Klaus Ackermann

18 Jahre ist das präludierende und komponierende US-Wunderkind erst jung, bei den Frankfurter Bachkonzerten in der Alten Oper für Verwunderung sorgend. Seine Interpretationen zweier Bach-Klavierkonzerte und die Uraufführung seiner Toccata für Klarinette und Orchester ließen nur einen Schluss zu: Der Wunderknabe ist erwachsen geworden. Zumal der junge Mann ideal mit dem Zürcher Kammerorchester harmonierte, das unter der Leitung von Paul Meyer den kühlen Großen Saal in eine intime konzertante Oase verwandelte. Der Dirigent, selbst ein international renommierter Klarinettist, war denn auch Solist in Armstrongs „Toccata“, die Bachs Formprinzipien klanglich neu fasst.

Beileibe kein Einspielwerk ist die Sinfonietta op. 52 für Streicher, des französischen Marine-Fähnrichs Albert Roussel (1869-1937), die vom fröhlichen Dreiertakt über ein elegisches Andante bis hin zu einem munteren Allegro-Kehraus in Concerto-grosso-Manier auf klangliche Gepflogenheiten des 20. Jahrhunderts einstimmt. Ein Prinzip, das dem jungen Armstrong, dem außergewöhnliche Begabungen in Mathematik, Naturwissenschaften und Sprachen nachgesagt werden, nicht fremd ist.

Seine Klarinetten-Toccata, ein Auftragswerk der Frankfurter Bachkonzerte, verbindet dunkles Streichgemurmel kontrapunktisch mit melodischem Klagegesang, für den Meyers sensibles Klarinettenspiel prädestiniert scheint, der die Richtung angibt: Über eine Art Rezitativ mit heftiger Violoncello-Gegenbewegung zu einem skurrilen Fugato, das die Grenzen der Tonalität erkundet. Keine virtuosen Auffälligkeiten, dafür ein freier Umgang mit Bach’schem Formengut, die Klarinette als Gesangsstimme. Spontan erinnert Armstrongs „Toccata“ an den jungen Paul Hindemith, freilich ohne dessen Radikalität und köstliche ironische Distanz zum Sujet.

Zuvor wirkt der junge Pianist dicht vernetzt mit den Zürcher Kammervirtuosen, die erhaben über jedweden Stoff stehen. Etwa in Bachs A-Dur-Klavierkonzert, dessen Engelsstimmen-Larghetto Armstrong fein aussingt, wie er über die einprägsamen barocken Formeln munter zu improvisieren scheint. Alfred Brendel hat den jungen Mann unter seine Fittiche genommen. Und das spürt man auch im g-Moll Klavierkonzert, besser bekannt als Bachs a-Moll-Violinkonzert: klare Sicht auf Stimmverläufe, ein natürlicher melodischer Fluss und Gespür für den gewissen rhythmischen Drive. Dazu kammermusikalisch intensiv begleitet von den Zürchern, die in orchestraler Mindest-Besetzung noch Franz Schubert einen Lieder-Kranz flechten. Mozarts Atem scheint man in der Sinfonie Nr. 5 B-Dur zu spüren, deren Schlager-mäßiges Melos Dirgent Meyer zu kultvieren versteht, ein genussvolles Musizieren, ein Schubert, der heiter beschwingt.

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