Weltoffen statt weinerlich

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In der Frankfurter Festhalle begann die Deutschland-Tournee der Söhne Mannheims, bei denen Xavier Naidoo den Ton angibt.

Frankfurt - Einen solchen Luxus können sich wohl nur ganz wenige deutsche Künstler leisten. Sich mal als Solist oder aber als Mitglied eines 1995 aus der Taufe gehobenen offenen Kollektivs auf Tournee zu begeben. Von Ferdinand Rathke

Xavier Naidoo, der auch noch im deutschen Rat Pack Alive And Swingin’ mitwirkt, kann sich das erlauben. Allein sein prominenter Name genügt, um mühelos nicht nur den Tourneeauftakt der Söhne Mannheims in der Frankfurter Festhalle, sondern auch die restlichen elf Termine in Riesenarenen der Republik auszuverkaufen.

Doch ruht die Faszination nicht allein auf den Schultern ihres multikulturellen Gründers. Es gibt da noch ein höheres Wesen. Befindet sich doch die noch vor Naidoos rasantem Solo-Senkrechtstart in der nordbadischen Provinz gegründete Basisgemeinde auf einer Art Dauermission mit gezielter Botschaft im Gepäck: Preiset das Wort des Herrn. Ein wenig an die Abschlussveranstaltung auf dem Kirchentag erinnert das schon, wenn sich 14 Bandmitglieder gleichzeitig auf einer mit weißen quadratischen Kuben in Form eines Kreuzes geschmückten Bühne tummeln.

Es herrscht ausgelassene Aufbruchsstimmung zum Auftakt mit sämtlichen Bandmitgliedern, die in untypische schwarze Smokings gekleidet sind. Gerade so, als ob eine Preisverleihung, ein hoher kirchlicher Feiertag und der haushohe Sieg der lokalen Fußballmannschaft zusammenfielen. Angetrieben vom Adrenalin und missionarischem Eifer teilen sich gleich mehrere Sänger freistehende Mikrofone: Neben Naidoo sind das Henning Wehland, einst Frontmann bei der Rockformation H-Blockx, Tino Oac und Michael Klimas. Bei Bedarf gesellen sich auch noch die exotischen Rapper Marlon B. und Metaphysics hinzu.

Jammertal deutscher Weinerlichkeit

Noch eine Spur wandlungsfähiger als ehedem, lassen die Söhne Mannheims das Jammertal deutscher Weinerlichkeit hinter sich und blicken in Richtung kosmopolitischer Zukunft. Mit virtuoser achtköpfiger Begleitformation im Rücken gelingt ein stilistischer Rundumschlag zwischen Soul, Funk, HipHop, Folk, Reggae, Gospel, Rock, Pop und R’n’B, wie er in Deutschland noch immer nicht selbstverständlich ist. Mal inszeniert als Ballade voller Melancholie, mal als energische Studie in Sachen Tanzanimation oder auch als harsch verrockte Sinnesattacke. Mannheims Söhne verstehen es ausgezeichnet, das Publikum über fast drei Stunden abwechslungsreich zu unterhalten.

Dezent im Hintergrund hält sich Xavier Naidoo. Als ob er oft gemachten Vorwürfen, er dränge sich permanent in den Mittelpunkt, zuvorkommen möchte. Doch wenn zwischen überlangen Versionen von „Geh davon aus“, „Das hat die Welt noch nicht gesehen“ und neuen Songs, wie das zum 50-jährigen Bestehen der Menschenrechtsorganisation Amnesty International gewidmete „Freiheit“, geredet wird, dann ist es zumeist Naidoo, der das Wort ergreift. Er behauptet sich als unumstrittener Chef der in den vergangenen Jahren häufiger mal im Personal wechselnden Chorgemeinschaft, die sich kollektiv in orangefarbenen Overalls, wie sie weltweit zahllose Gefangene tragen müssen, aber auch noch in gewohnter Straßenkleidung präsentieren.

Ausschließlich von Naidoo getextete Botschaften gleichen in Stein gemeißelten Gleichnissen. Wurden heilige Anwandlungen anfänglich noch als seltsame Randerscheinungen über Nacht hereinbrechenden Erfolgs wahrgenommen, ließ der bibelfeste Christ, der sich längst zum millionenschweren Unternehmer gemausert hat, in den vergangenen Jahren keine Gelegenheit aus, um starke Bindung für den Weltenschöpfer zu bezeugen.

Doch Xavier Naidoo thematisiert auch poetisch die Zwiespälte in der multikulturellen Gesellschaft Deutschlands, wenn er seine Anhänger kryptisch beschwört: „Es wär’ schön, wenn ihr glücklich wärt, dass wir vor euch hier waren“.

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