Leichtigkeit in Perfektion

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Alan Gilbert, der noch verhältnismäßig junge Chef des ältesten US-amerikanischen Orchesters, hatte seine Musiker im Griff.

Mit einer Verjüngungskur ist das älteste US-amerikanische Orchester in die Saison gestartet: New York Philharmonic, zu Gast in der Alten Oper, hatte zuletzt ehrwürdige Künstler wie Lorin Maazel und Kurt Masur als Chefdirigenten. Von Axel Zibulski

Seit einem Jahr ist der gut eine Generation jüngere Alan Gilbert Musikdirektor der 1842 gegründeten Philharmoniker, programmatischen Frische auch in Frankfurt verbreitend.

Zu Beginn des ausverkauften Konzerts mit Werken von Prokofjew und Sibelius leitete Gilbert die zehn launigen Minuten von Magnus Lindbergs Orchester-Furioso „Expo“, vor wenigen Monaten in New York uraufgeführt. Gewiss, auch in Sachen zeitgenössischer Musik mag man es jenseits des Atlantiks unbekümmerter, darf es leicht verdaulich zugehen: „Expo“ klingt wie ein Rückblick auf das ganze 20. Jahrhundert; alles ist möglich beim 1958 geborenen Finnen Lindberg, eingängige Tonalität mit spätromantischem Gepräge, aber auch stampfend-mitreißende Rhythmik – passendes Entree sowohl für Sergej Prokofjews zweites Klavierkonzert als auch für die Sinfonie Nr. 2 von Lindbergs Landsmann Jean Sibelius. Ein Glanzstück war diese zeitgenössische Visitenkarte für die New Yorker ohnehin; bereits beim turbulenten Beginn konnte das Publikum sich nicht satt hören an der gestochenen Präzision und der fulminanten Wendigkeit der Streicher.

Erst höchste Perfektion erlaubt eine Leichtigkeit, fast Lässigkeit, wie sie auch beim Solisten zu hören war, dem 1958 geborenen Yefim Bronfman, Amerikaner russisch-israelischer Herkunft. Nur äußerlich wirkte es introvertiert, wie er die vier schnellen Sätze von Prokofjews zweitem Klavierkonzert g-Moll 16 ausformte. Im Klaviersatz des 21 Jahre alten Komponisten ist ebenso kühne Harmonik im Spiel, von Bronfman forsch prononciert, wie eine gewisse oberflächliche Virtuosität, von ihm milde geglättet.

Kaum eine Pause gönnt Prokofjew dem Solisten, und Bronfman benötigte sie auch nicht, weder in der weitsichtig aufgeschichteten Kadenz des Kopfsatzes noch im pianistischen Perpetuum mobile des Scherzos, auch nicht im rhythmisch vertrackt voranfegenden Finale. So zähmt man einen Tiger, ohne ihm die Zähne zu ziehen. Beruhigung brachte erst Bronfmans Zugabe, eine knappe Sonate von Domenico Scarlatti.

Für Sibelius’ zweite Sinfonie hatte Gilbert die alte deutsche Orchesteraufstellung gewählt, mit sich gegenüber sitzenden Violingruppen sowie links platzierten tiefen Streichern – unüblich für US-Orchester, aber zu einer interessanten Mischung führend: Trennscharf und gerade seitens der warm gerundet klingenden Blechbläser brillant zugleich wirkte die spätromantische Sinfonie, auf deren ausgedehnte Finalsteigerung zwei Zugaben folgten, die Polonaise aus Peter Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“ sowie Sibelius’ „Valse triste“.

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