New Yorks freizügige Siebziger

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Brillante Gesangsstimmen waren eines der Kennzeichen der Disco-Ära in den 70er Jahren. Dahinter standen meist Songwriter und Produzenten. Der New Yorker Andrew Butler knüpft mit seinem Projekt Hercules & Love Affair an dieses Modell an.

Brillante Gesangsstimmen waren eines der Kennzeichen der Disco-Ära in den 70er Jahren. Dahinter standen meist Songwriter und Produzenten. Der New Yorker Andrew Butler knüpft mit seinem Projekt Hercules & Love Affair an dieses Modell an. Von Stefan Michalzik

Anders als bei den Klassikern ist es allerdings nicht eine Instrumental-Band, die hinter den Sängern steht: Andrew Butler, von Haus aus DJ, ist ein Knöpfchendreher, und beim Gastspiel im Offenbacher Hafen 2 reist ein weiterer mit. Entscheidend geprägt hatte das Debüt die androgyne Stimme des unter dem Signum Antony and the Johnsons bekannten Antony Hagarty, der einige Stücke gemeinsam mit Butler geschrieben hat.

Das Konzert begann im Discogroove, bald kamen Housebeats mit sampleartigen Vokalphrasen ins Spiel, schließlich ein Techno-Zirpen. Damit war das Terrain nach wenigen Minuten abgesteckt. Der dramaturgische Aufbau kommt dem eines gescheit zusammengestellten Mixedtapes nahe. Die Stücke gehen wie bei einem DJ-Set ohne Pause ineinander über. Um Genregrenzen schert sich der 31-jährige Andrew Butler nicht. Schließlich sind die Stile, die sich bei ihm begegnen, eng miteinander verwandt. Bläserfunk und die Sounds analoger, sozusagen historisch getreuer Synthesizer vermischen sich.

Rastalocken, Afrofrisur und Lederkappe

Das New York der 70er Jahre mit seiner hedonistischen Ausgelassenheit ist der gedankliche Bezugspunkt. Die drei Sängerinnen und Sänger muten jeder auf seine Weise mehr oder weniger androgyn an. Ungeachtet der mathematischen Logik dürfte sich zwischen Rastalocken, Afrofrisur und Homestyle mit Lederkappe und Sonnenbrille eine Geschlechterparität der anderen Art ergeben.

Der bärtige Butler, beim Konzert eine Hintergrundfigur, hat sich in einem Interview als „eher empfindsamer Typ in einem maskulinen Körper“ charakterisiert. Die Novität dieser multipel rückbezüglichen Musik liegt in einer Überlagerung pophistorischer Zeitebenen. Auf dem Laptop pappt ein Aufkleber von Fender, Hersteller von Gitarren und E-Piano. Eine treffliche Geste der Ironie.

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