Zauberhafte Messe eines Barockmeisters

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In Offenbach sorgt der Orfeo-Chor Frankfurt immer für gut gefüllte Kirchen. Bei der Premiere der vorweihnachtlichen Rhein-Main-Tournee in der Hanauer Christuskirche war das anders.

In Offenbach sorgt der Orfeo-Chor Frankfurt immer für gut gefüllte Kirchen. Bei der Premiere der vorweihnachtlichen Rhein-Main-Tournee in der Hanauer Christuskirche war das anders. Von Reinhold Gries

Aber Leiter Armin Rothermel, sein Chor und das hochprofessionelle Main-Barockorchester ignorierten den mangelnden Zuspruch und boten in der selten zu hörenden „Messe de minuit pour Noël“ des barocken Meisters Marc-Antoine Charpentier weihnachtlichen Versailles-Zauber.

Schöne Wechsel zwischen „Grand Choeur“ und „Petit Choeur“ mit vibrierenden Trillern, zauberhafte Hirtenweisen von Martin Hublow und Martina Backes an Sopran- und Altblockflöte, hinreißend tänzerische Violinpartien von Martin Jopp und Marie Verweyen sowie Robert Sagassers charaktervolle Violonen-Basslinien, Krystian Skoczowskis behendes Orgelpositiv-Spiel und Lydia Blums Cellobarock sorgten für ein sehr rhythmisches Continuo-Fundament. Erstaunlich, wie Orfeo-Vokalisten in der Lage waren, diffizile Partien im Solo oder in kleinen Gruppen zu übernehmen. So gingen altfranzösische Melodien bestens ins Ohr. Volkstümliche Weisen wandelten sich zu kontrapunktischer Hochkultur.

Stimmig und mit absoluter Fugenklarheit

Auch deutsche Chorlieder waren frei von jeglichem Kitschfaktor. Frühbarocke Polyphonie verbreiteten festliche Chorlieder von Melchior Vulpius, Johannes Eccard und Andreas Hammerschmidt. Stimmig und mit absoluter Fugenklarheit vorgetragen erklangen romantische Chöre wie Johannes Brahms’ Motetten „O Heiland, reiß die Himmel auf“ und „Schaffe in mir, Gott, ein rein Herz“. Dann setzte der Chor französisch elegante und gemäßigt moderne Ausrufezeichen, in Claude Debussys „Yver, vous n’estes qu’un villain“ ebenso charmant wie im Chor-Chanson „En hiver“ des Hanauer Komponisten Paul Hindemith.

Vor Felix Mendelssohn Bartholdys silbrigem „Neujahrslied“ zeigte das Barockorchester, warum seine Einspielungen mit Preisen überhäuft werden. Während Georg Friedrich Händels Sinfonia „The Arrival of the Queen of Sheba“ und Triosonate für zwei Violinen und Basso continuo wähnte man sich mitten in einem Festival. Keine Wunder, gehören Barockgeiger wie Marien Verweyen und Martin Joop – sein überschäumender Auftritt zu Heinrich Ignaz Franz Bibers fast unspielbarer „Sonata violino solo representativa A-Dur“ war sensationell – sind Spitzeninterpreten historischer Aufführungspraxis.

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