Festhalle feiert die Französin Zaz

Bezaubernde Stilvielfalt

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Intensiv in jeder Sekunde: Zaz verzauberte Frankfurt.

Frankfurt - Gottseidank, sie ist doch sie selbst geblieben. Die bombastische Ouvertüre mit bretonischem Schöngesang im Laserkranz konnte bloß kurz irritieren. Aufatmen, als aus sphärischen Klängen ein rotziges „Les Passants“ hervorbricht. Von Thomas Kirstein 

Aus der unverkrampften Isabelle Geffroy, die sich Zaz nennt, ist – trotz Glitzer-Top und massivem Tastenschwulst beim Auftakt – doch keine Diva geworden. Merci. Die Französin mit der steilen Karriere hat 2011 als beim breiten Publikum noch fast Unbekannte die Offenbacher Stadthalle ausverkauft. In Frankfurt erfüllt sie nicht nur Erwartungen. Sie dürfte viele übertroffen haben. Zum Auftakt des „Women of the World“-Festivals mischt Zaz eine gut gefüllte Festhalle auf, nachdem die 22-jährige Nina Attal, ebenfalls aus Frankreich, mit fetzigem Rock-Soul Aufwärmübungen im Saal geleitet hat.

Um es vorweg zu nehmen: Zaz ist auch in Frankfurt nichts weniger als ein Ereignis. Knapp zweieinhalb Stunden deckt die 33-Jährige ein unerhörtes Spektrum ab. Die wohlüberlegte Aneignung und Mischung zahlloser Stile vereint sich zu ihrem ganz ureigenen Stil von Weltmusik. Nicht jeder muss alles mögen, mancher darf sicher milde über ein oder zwei zu poppige Melodien und punktuell Grandprix-kompatibles Pathos lächeln. Aber das musikalische Gesamtkunstwerk Zaz funktioniert.

Da ist keine Sekunde Langeweile zu ertragen. Auch dank exzellenter Begleitmusiker, die sich mühelos von der Popgruppe zur Bigband, vom Kabarettorchester zur Latintruppe, von der Jazzcombo zur Heavy-Metal-Truppe wandeln können.

Unvergleichliche Meisterin

Vorneweg und mittendrin, hüpfend, tanzend, anfeuernd („Lautähr!“), die unvergleichliche Meisterin des neuen Chansons. Man mag durchaus die Inbrunst einer Edith Piaf, etwa bei deren „Dans ma rue“, oder eines Jacques Brel entdecken, mag über endlose Scat-Kaskaden à la Ella Fitzgerald oder Bobby McFerrin staunen. Aber auf der Bühne wirbelt unverkennbar stets die einzigartige Zaz mit ihrer klaren, voluminösen und kraftvollen Stimme, deren aparte Heiserkeit samt den niedliche Kieksern an den richtigen Stellen bewusst die Lehrjahre nicht verschleiern will. Hier singt eine frech, ton- und taktsicher drauflos, die noch vor ein paar Jahren auf dem Montmartre kein Mikrofon gebraucht hat.

Das wirkt bezwingend, als die sechs Begleitherren die elektrischen Instrumente weglegen und mittels akustischem Werkzeug in Musikhallen mit dem Zigeunerjazz eines Django Reinhardt, mit Bebop, Bossa Nova und Klezmer entführen. Ein Tanzball wird angerichtet mit Waschbrett statt Drums, Banjo statt Stratocaster, Klarinette statt Saxophon, Drehorgel und Akkordeon statt Keyboard. Dazu Zaz immer wieder als ihr eigenes Blasinstrument: Wie sie elegante Läufe in ihre Faust trötet, macht ihr keiner nach.

So wirkt Musik auf unseren Körper

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Die zierliche Französin vermittelt Fröhlichkeit, ohne jemals albern zu werden. Selbst die vom traditionellen Chanson gebotene Melancholie bleibt letztlich fern jeglicher Trübsal: Bevor’s einmal zu viel wird, explodiert das Erhabene in dem krachenden Abräumer „Je veux“.

Von Beginn an trägt die sympathische Präsenz dieser quirligen, unbekümmerten Zaz, die sofort jede und jeden mitreißt. Eigentlich müsste das Festhallenpublikum – erstaunlich viele Familien, deutlich weibliches Übergewicht – nicht extra animiert werden. Es wird ausgelassen getanzt und mit den Armen geschwenkt. Frankfurt zeigt sich sogar bei langen französischen Passagen ausgesprochen textsicher.

Und dann ist Zaz noch eine Künstlerin, die ihr Publikum sehr ernst nimmt: Obwohl, wie sie eingesteht, des Deutschen nicht mächtig, gewinnt sie die Herzen mit Ansagen auf Deutsch – allerliebst mit charmantem Akzent und unter hörbarer Mühe abgelesen. Auch diese Kleinigkeit am Rande macht den Abend so besonders. Merveilleux. Bezaubernd.

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