Zeitig erklingt Silvester-Hymne

Auf nichts ist mehr Verlass. Nicht einmal auf Beethoven. Dessen Neunte gehörte schon bei unserer Oma traditionell zum Silvester-Programm. Mit belgischem Vorzeichen tönte die Jahresabschluss-Sinfonie bereits jetzt in der Alten Oper Frankfurt. Von Klaus Ackermann

Die Königliche Philharmonie von Flandern und das von Trientiner Choristen verstärkte Collegium Vocale Gent hatten es so eilig. Wahrscheinlich liegt eine Platteneinspielung in der Luft. Denn Dirigent Philippe Herreweghe, emsiger Moderator der historischen Klangforschung, ist für neue Sehweisen auf Klassik und Romantik gut.

Vor Beethovens Freuden-Ode hatte der Genter Spezialist Johannes Brahms’ „Schicksalslied“ für Chor und Orchester gestellt, das auf Friedrich Hölderlin fußt, der die Götter „droben im Licht“ beneidet und dagegen die Leiden der Menschheit setzt, „wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen“. Entsprechend zieht auch Brahms den dramatischen Bogen, zunächst den „lieblichen Wohnungen“ seines Deutschen Requiem nahe, dann die schmerzliche Erkenntnis ohnmächtiger Menschheit mit kontrapunktischer Zielstrebigkeit und vielen verminderten Septakkorden festhaltend.

Gemeinschaft aus Collegium Vocale Gent und Accademia Chigiana

Schon hier lockt Herreweghe mit allerfeinster Dynamisierung die klangliche Farbigkeit seiner Gemeinschaft aus Collegium Vocale Gent und Accademia Chigiana, den Chor-Samt mit harten Blechbläser-Schüben bei dumpf pochender Pauke versetzend. Ein sensibel ausgeloteter Abgesang scheint das Lamento gleichsam zu deckeln.

Auch an Beethovens Neunter doktert der studierte Mediziner und Psychiater kaum auffällig herum, der auch ohne Taktstock klanglich-gestalterische Beweglichkeit erzielt. Nach fahler quintlastiger Genesis – schön schaurig mit den vibratolosen Streichern – ist der Fortissimo-Höhepunkt schnell erreicht. Rhythmisch markant gehämmert und mit Drive versehen, geistert das figürlich filigrane Scherzo dahin, von edlen Holzbläser-Mixturen abgefangen. Wie eine schöne Erinnerung wirkt das Melodie-intensive Adagio, bevor die theatrale Wende hin zum Freudenthema leitet: eher ein ausladendes, vorangegangene Satzthemen zitierendes Rezitativ als Schreckensfanfare, dem Bassbariton David Wilson Johnson voluminös Einhalt gebietet, „freudenvollere Töne“ fordernd, was der eingeschworene, bewegliche Chor sich glockenklar in der Höhe zu Herzen nimmt. Wie seine Mitstreiter ist der ausdrucksstarke Brite auf der Empore vor dem Chor platziert, was sich akustisch fatal auswirkt.

Beethovens Laienpredigt verfehlt Wirkung nicht

Nur schemenhaft werden Christiane Oelze (Sopran), Ingeborg Danz (Alt) und Tenor Christoph Strehl – der entsprechend zu stark presste – wahrgenommen. Dennoch verfehlt Beethovens Laienpredigt ihre Wirkung nicht: Es ist nach menschelndem Blasmusik-Intermezzo vor allem der finale Freudenhymnus, bei dem es Herreweghe richtig krachen lässt – was zu Lasten der Textverständlichkeit geht. Doch schließlich hat man bis Silvester noch Zeit.

Rubriklistenbild: © Segovax/pixelio

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