Zeitlosigkeit ohne Patina

Hanau - Die Lust auf immer neue Tourneen versüßt nicht nur der ersten Garde wie den Rolling Stones, Bob Dylan oder Neil Young das Pensionsalter. Von Ferdinand Rathke

Auch ein ehemals zottelhaariger Bürgerschreck namens Ian Anderson, der sich längst ein sprichwörtlich zweites Standbein mit der Lachszucht im heimatlichen Schottland aufgebaut hat, lebt frei nach dem Credo des seligen Ganovenjägers Pater Brown: „Er kann’s nicht lassen. “.

Pünktlich wie Beamte treten die Veteranen ihren abendlichen Dienst im proppevollen Hanauer Amphitheater an. Binnen Sekunden verwandelt sich Ian Anderson vom freundlichen älteren Herren, der noch eben angeregt hinter der Bühne plauschte, in einen mittelalterlichen Spielmann mit Kratzfuß, Querflöte und Akustikgitarre im Anschlag. Auf dem lichten Haupt ein Tuch in Seeräuber-Manier, bezirzt der fast 64 Jahre alte unumstrittene Mittelpunkt von Jethro Tull, die mit ihm in die Jahre gekommene Fangemeinde zum Auftakt mit Eindeutigem: „Living In The Past“.

Es bleibt nicht der einzige Klassiker im Repertoire, der lautstark bejubelt wird. „Thick As A Brick“ in Überlänge und das Instrumental „Bourée“ folgen. Mögen in der Komparserie das mannshohe Kaninchen Harvey, ein Dirigent in Unterhosen und das weibliche Streicherquartett mit gepuderten Perücken auch fehlen, wie Jethro Tull in den siebziger Jahren auf Tourneen zu gehen pflegten, der Funke springt dennoch über.

Ian Anderson ist fast der Alte. Auf einem Bein stehend und mit dem anderen kreisend, verzichtet er nur auf seine einst geliebten hautengen Strumpfhosen in kniehohen Stiefeln und den Gehrock. Sein Bein-Ritual, das der Schotte seit Gründung der nach einem englischen Landwirt des 18. Jahrhunderts benannten Band 1967 exerziert, hat sich längst zum Markenzeichen entwickelt.

Mit launigen Plaudereien in akkuratem Hochenglisch unterhält Ian Anderson zwischen den Evergreens. Gestattet seinen vier Mitstreitern, von denen der seit 1969 amtierende Gitarrist Martin Barre der dienstälteste ist, die Freiheit der Improvisation. Originalgetreu lässt das Quintett zum 40. Jubiläum des Meilensteins „Aqualung“ wieder auferstehen: „Up To Me“, „Mother Goose“, „Hymn 43“, „My God“, den Titelsong und als Zugabe „Locomotive Breath“.

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