Auf den zweiten Blick

Frankfurt - Ein später Erfolg – und ein Beleg für eine nicht versiegende Lust zur Erkundung neuer Horizonte. Von Sebastian Hansen

Der mit seinen 78 Jahren künstlerisch wie körperlich juvenil wirkende Frankfurter Tenorsaxofonist Heinz Sauer hat in dem 46 Jahre jüngeren, inzwischen gleichfalls am Main lebenden Pianisten Michael Wollny einen idealen Duopartner gefunden. Zudem handelt es sich wohl um den größten kommerziellen Erfolg in der Karriere dieses zwar geschätzten, aber immer etwas „heimlich“ gebliebenen Titanen des europäischen Jazz.

Der stete Austausch von wechselseitigen Einwürfen ist das Kennzeichen der Begegnungen von Sauer und Wollny. Da geht es primär um Berührungspunkte, nicht um eine Verflechtung der Stimmen im klassischen Sinne. Es ist wenig Vorhersehbares in den Stücken der beiden Musiker, die zum Abschluss der Jazzreihe im Garten des Liebieghauses spielten.

Ungemein raffiniert ist der Umgang mit der Harmonik. Hinzu kommt ein entwickelter Sinn für den wirkungsvollen Einsatz von Weglassungen. Es geht weniger um eine lineare Erzählung als vielmehr um Stimmungen.

So eigenständig die Stimmen agieren, lebt die Musik doch ganz aus der Interaktion. Es handelt sich um eine Form des Dialogs, in der in keinem Augenblick einer der Begleiter des anderen ist. Beide Musiker schöpfen gleichermaßen aus ihrer Intellektualität, eine Klangsinnlichkeit, die es ihnen erlaubt, den Klang, der von Fall zu Fall durch Wollnys atmosphärische Elektronik erweitert wird, zu einem wesentlichen Strukturelement zu machen. Michael Wollny steht für die Abstraktion, Heinz Sauer mit seinem hauchbesetzten Spiel und einer verhaltenen Expressivität für die Stimme.

So wohlvertraut diese Sprache inzwischen sein mag, ist sie doch nach wie vor von fesselnder Intensität. Um Liebe auf den ersten Blick, hat Heinz Sauer in einem Interview gesagt, habe es sich bei ihm und Wollny nicht gehandelt. Auch auf den zweiten Blick kann eine künstlerische Partnerschaft von ungeheurer Fruchtbarkeit entstehen.

Rubriklistenbild: © pixelio.de/strichcode

Kommentare