Zwischen Showsause und Dandytum

Frankfurt - Ganze Essays über den Transfer kultureller Positionen, gespickt mit Zitaten von Jean Baudrillard & Co., sind veröffentlicht worden, als der unter dem Alter Ego Señor Coconut firmierende Uwe Schmidt vor zehn Jahren sein Album „El Baile Alemán“ herausbrachte. Von Sebastian Hansen

Es ist bestückt mit am Computer aus alten Aufnahmen von Mambokönigen wie Tito Puente zusammengeschnippelten Coverversionen der Elektropioniere Kraftwerk.

Der in Chile lebende Frankfurter, bis dahin unter Pseudonymen wie Atom Heart mit Ambientproduktionen in Erscheinung getreten, hatte die Klassiker der maschinellen Musikproduktion unter Verwendung von fragmentierten Aufnahmen echter Musiker in eine andere Kultur übertragen, und das wiederum an einer Musikmaschine. Nouvelle Vague folgten mit ihren Bossa-Versionen von Hits der New-Wave-Ära. Bald wurde im Zuge der Coverwelle bis zum Überdruss praktisch alles in jede Stilrichtung transportiert.

Inzwischen können die Kraftwerk-Covers von Señor Coconut selbst eine Art Klassikerstatus für sich beanspruchen. Beim Konzert in der Frankfurter Batschkapp haben Señor Coconut indes nur zwei dieser Nummern gespielt. Derweil die Pop-Theoretiker sich in Deutungen zu „El Baile Alemán“ förmlich überschlugen, rief Schmidt ihnen gleichsam „Entspannt euch!“ zu und verwies darauf, dass seine Kraftwerk-Covers gleichsam als reiner Spaß entstanden seien, nach dem Motto: Was ist das Abgedrehteste, das man sich vorstellen kann?

Von Deep Purple bis Michael Jackson

Dagegen wirken die Latin-Versionen von Pop-Standards wie „Kiss“ (Prince), „Sweet Dreams“ (Eurythmics) und „Da Da Da“ (Trio) von dem 2008 erschienenen Album „Around the World“ doch recht brav. „Around the World“ folgt dem Pfad, den Señor Coconut mit „Fiesta Songs“ von 2003 eingeschlagen hatte. Deep Purples „Smoke On The Water“, Michael Jacksons „Beat It“: Schier alles ward in serieller Produktion auf Mambo, Merengue und Cha Cha Cha gesetzt.

Die Musiker – die Band ist besetzt mit Vibra- und Marimbaphon und einem Bläsersatz – ziehen eine mächtige Sause ab, während Uwe Schmidt mittendrin dandyhaft und unbewegt hinter Laptop und Keyboard steht, dem Minimalismus von Kraftwerk nahekommend. Nicht mehr dabei ist der agile Argenis Borito, der ursprüngliche Sänger. Sein Nachfolger Julian Tina Urzua mutet sängerisch wie körperlich etwas hüftsteif an.

Als Partyding war die Livefassung von Señor Coconut von vornherein angelegt; als solches funktioniert sie auf einer gewissen Ebene wie ehedem. Freilich ist nicht mehr recht zu erkennen, was Señor Coconut anderen Vertretern der Coverwelle noch voraus haben sollen. Wie indes eine künstlerisch fruchtbare Entwicklung hätte aussehen können, das hatte das 2006 herausgekommene Album „Yellow Fever!“ erkennen lassen, eine Auseinandersetzung mit dem Werk der Pop-Avantgardisten vom japanischen Yellow Magic Orchestra. An diesem Punkt könnte es produktiv weitergehen – und nicht im Abgrasen aller erdenklichen Hits der Popgeschichte.

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