Appell: Den eigenen Verstand benutzen

Entlassungsfeier an der Einhardschule: Zweimal die Traumnote

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Kollektiver Freudenschrei: 81 Abiturienten feierten gestern in der Großsporthalle der Einhardschule das Ende ihrer Schulzeit.

Seligenstadt - Einreiseschein in die akademische Welt, das erste Etappenziel auf dem Weg in die Freiheit - aber auch der erste Schritt in ein zunehmend kompliziertes und forderndes Erwachsenenleben.

Was das Abitur für sie sein kann, hörten gestern 81 Absolventen und deren Familien in der Großsporthalle der Einhardschule vielfach aus berufenem Mund. Hängen blieb wohl vor allem ein Appell von Tutorensprecher Pascal Scholz: Eigenen Gewissheiten stets kritische Selbstprüfung entgegenzusetzen. Schulleiter Dieter Herr und sein Kollegium haben allen Grund, stolz auf ihre Abiturienten zu sein. 16 von ihnen haben dieses Jahr eine Gesamtnote mit einer Eins vor dem Komma erreicht, zwei sogar die Traumnote 1,0. Unter 42 weiteren Abi-Zeugnissen steht als erste Ziffer eine Zwei. Unter dem Strich haben alle 50 Jungen und 33 Mädchen zusammen einen Durchschnitt von 2,51 erzielt - exakt den gleichen Wert wie ihre 88 unmittelbaren Vorgänger im vergangenen Jahr.

Bevor die Tutoren die Zeugnisse an ihre Schützlinge überreichten, die Besten unter ihnen - unter anderem mit Preisen des Lions-Clubs, das Fördervereins Freunde der Einhardschule und des Seligenstädter Buchladens - noch einmal gesondert belohnt und schließlich alle mit dem Pop-Klassiker „Music“ vom Leistungskurs Musik unter der Leitung von Roman Zöller verabschiedet wurden, stand den frisch gebackenen Abiturienten eine Folge feierlicher, freudiger aber auch nachdenklicher Momente bevor.

Besondere Auszeichnungen gab es für die Jahrgangsbesten.

Den richtigen Schwung gab der akademischen Feier die hauseigene Bigband unter der Leitung von Benedikt Bender mit einer fulminanten Interpretation von Herbie Hancocks Klassiker „Chameleon“. Seine Glückwünsche verband Schulleiter Herr in seiner Begrüßungsansprache mit einem eindringlichen Appell: „Den eigenen Verstand zu benutzen heißt nicht, sich immer nur auf sich selbst zu verlassen“, gab er den Absolventen mit auf den Weg und bezog sich auf den Zustand der Gesellschaft. Habe sich das Pendel lange Zeit in Richtung Gemeinschaft und Einigkeit bewegt, rücke jetzt zunehmend das Trennende in den Vordergrund. Die junge Generation stehe vor der „großen Herausforderung, alles dafür einzusetzen, dass es nicht bei dieser Richtung bleibt“.

Mit aufsteigenden Ballons verglich Herr seine Absolventen und legte ihnen ans Herz, Verbindung zum Boden - zur Heimat, zu Familie und Freunden - zu halten. „Sprechen sie mit denen, die ihnen nahe stehen, hören und bedenken sie deren Position“, empfahl er ihnen - aber auch, gegenüber Autoritäten stets kritisch zu bleiben und alles Gehörte auf den Prüfstand der Vernunft zu stellen. „Nehmen sie sich die Freiheit, Erfahrungen zu machen, aber hören sie auch auf sich selbst“, knüpfte Bürgermeister Dr. Daniell Bastian an. Die Einhardschule habe in Sachen Identifikation und Identitätsbildung in den vergangenen Jahren sehr viel getan und könne für ihre Absolventen auch nach dem Abschluss ein Anker am eigenen Ursprung sein.

Seligenstädter Einhardschule verabschiedet Abiturienten: Fotos

Mit seinen Überlegungen zur „selbstzentrierten Standardeinstellung“, die offenbar gesellschaftliche Regel geworden sei, gewann Tutorensprecher Pascal Scholz die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Publikums. Davon abzurücken und sich auf die Perspektiven anderer einzulassen, bedeute auch Entscheidungsfreiheit. „Bescheidenheit ist keine Schwäche, sondern heute fast ein Alleinstellungsmerkmal“, so Scholz. „Und Selbstlosigkeit ist das Beste, was man für sich tun kann“. Einen zeittypischen Einzelaspekt des Kommunikationszeitalters griff Dr. Norbert Gassel, Vorsitzender des Fördervereins, heraus, warnte nachdrücklich vor allzu viel Vertrauen in Internetmedien und insbesondere in soziale („oder besser asoziale“) Netzwerke: Es sei unerlässlich „Wahrheiten auch außerhalb digitaler Filter zur Kenntnis zu nehmen“.

Mit medialem Massenkonsum, vorurteilsbeladener Gleichmacherei und ihrer Wirkung auf menschliche Beziehungen beschäftigten sich auch die Akteure aus dem Kurs Darstellendes Spiel bei einer szenischen Präsentation. Die emotionalste Szene lieferten die Abiturienten selbst: Von ihren beiden Jahrgangssprechern Natalie Weiß und Fynn Rummel zusammen getrommelt, warfen sie in einer spontanen Freudenkundgebung eine Wolke von Doktorhüten in die Luft. (zrk)

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