Experte trainiert Einsatzkräfte für Selbstschutz

Aggression statt Dankbarkeit: Immer mehr Gewalt gegen Retter

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Eigentlich undenkbar: Immer öfter werden Menschen, die helfen wollen, bei ihrem Einsatz angepöbelt oder sogar angegriffen. Seit 2012 ist der Umgang mit bedrohlichen Situationen Teil der Ausbildung, zuvor wurden die bereits tätigen Einsatzkräfte nachgeschult.

Frankfurt - Angriffe auf Rettungssanitäter, Feuerwehrleute oder Klinikmitarbeiter rücken in den Fokus. Seit 2012 ist die Vorbereitung professioneller und ehrenamtlicher Helfer auf brenzlige Situationen gesetzlich vorgeschrieben. Sven Seeger trainiert sie in seiner Firma „DST – Deeskalation, Selbstschutz. Taktik“ in Frankfurt. Er rät: „Rechnen Sie mit allem, auch mit dem völlig Irrationalen.“ Von Michael Eschenauer

Notfallsanitäterin Sheila Grunz (33) kniet im Oktober 2017 auf einer Rolltreppe am Frankfurter Hauptbahnhof. Das Förderband wurde gestoppt, weil ein Mann gestürzt ist und sich schwer verletzt hat. Grunz kümmert sich mit einer Kollegin um seine Wunden. Da drängelt sich ein älterer Mann an den Sicherheitsleuten der Bahn, die die Rolltreppe absperren, vorbei. Sie habe noch gehört, wie der Unbekannte schrie „Es ist mein gutes Recht, diese Treppe zu benutzen“, erinnert sich Grunz. Kurz darauf steht der Anzugträger vor ihr, schlägt ihr mit der Faust ins Gesicht, schubst sie rückwärts die Treppe hinunter. Grunz erleidet Prellungen im Gesicht, eine schwere Beinverletzung, eine Gehirnerschütterung und ist seitdem wegen Angstzuständen krankgeschrieben.

Vorfälle wie dieser lassen den Normalbürger verständnislos und wütend zurück. Praktiker sind weniger überrascht. „Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, bei jedem Menschen das Verhalten mit normalen Maßstäben abschätzen zu können; manche Leute reagieren irrational – für sie liegt ein Verhalten, das Sie und ich uns nicht vorstellen können, durchaus im Rahmen der Handlungsoptionen.“ Sven Seeger hat solche Menschen und das, was sie anrichten können, tausendfach erlebt und analysiert. Der Notfallsanitäter mit Einsatzgebiet Frankfurt hat seine Firma, bei der man den richtigen Umgang mit dieser Klientel lernen kann, 2010 gegründet. „Wir trainieren Mitarbeiter von Rettungsdiensten, Behördenvertreter, Klinikpersonal, aber auch Leute, die mit Flüchtlingen zu tun haben, wie sie riskante Situationen erkennen, ihnen vorbeugen und sich aus brenzligen Lagen zurückziehen können.“

Notfallsanitäter Sven Seeger bereitet professionelle und ehrenamtliche Helfer auf gewalttätige Übergriffe vor.

Seeger, ein 1,96-Meter-Mann, der 1988 als Zivildienstleistender beim Offenbacher Rettungsdienst in den Beruf eingestiegen ist, sieht eine Verschärfung der Strafen (wie vom hessischen CDU-Innenminister Peter Beuth gefordert) skeptisch. „Wir haben ausreichend Sanktionsmöglichkeiten. Es kann nicht Ziel sein, die Täter zum Steineschlagen nach Sibirien zu verfrachten, sondern wir müssen dafür sorgen, dass die Ahndung dieses Verhaltens möglichst schnell auf die Tat folgt. Eine Bewährungsstrafe ist für viele das Synonym für Freispruch“, so Seeger. Man müsse die Justiz auch von der Personalausstattung her in die Lage versetzen, rasch zu reagieren. „Die Lage kann sich nur verbessern, wenn solche Leute nicht erst nach eineinhalb Jahren bestraft werden.“ Bei den Tätern unterscheidet der Verhaltenstrainer zwei Typen. Da ist zunächst derjenige, der sich in seinen Rechten beeinträchtigt wähnt und in der Gewalt ein probates Mittel sieht, diese einzufordern. Seeger nennt den Fall eines Radfahrers, der einen Sanitäter krankenhausreif prügelt, weil er mit dem Rettungswagen einen Radweg blockiert, um einen Verletzten zu behandeln. Der bürgerlich wirkende Schläger entkommt unerkannt.

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Zweiter Fall: Ein Paketausfahrer rastet aus, weil er Probleme hat, am auf der Straße stehenden Rettungswagen vorbeizukommen. Knapp entgehen die Sanitäter, die einen Patienten in extrem kritischem Zustand in den Rettungswagen heben, einem Angriff. „Milieuübergreifend ist in unserer Gesellschaft Gewalt zur Durchsetzung eigener Interessen hoffähig geworden“, resümiert Seeger. Der zweite Schläger-Typ umfasst Menschen mit „entsprechender Gewalthistorie“. Sie haben nach mehrfachen Zusammenstößen mit Polizei und Justiz die Erfahrung gemacht, dass sie kaum Konsequenzen zu fürchten haben, und setzen auf Gewalt oder Drohung. So beschimpfte ein Patient in einer großen Frankfurter Klinik die Krankenschwester und drohte ihr Gewalt an, nachdem sie ihn notversorgt hatte. „Solche Leute registrieren, dass etwas nicht exakt nach ihren Vorstellungen läuft, und rasten aus“, sagt Seeger.

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Und da gibt es Einsätze, die völlig überraschend eskalieren. So wird die Besatzung eines Rettungswagens bei der Versorgung einer älteren Dame, die einen Schlaganfall erlitten hat, von deren Sohn in der Wohnung mit einer scharfen Waffe bedroht. „Der hatte den Eindruck, das Kommando übernehmen zu müssen, weil er die Sanitäter für unfähig hielt. Das spielte sich vormittags in einem normalen Wohngebiet in Rhein-Main ab. Man ist niemals vor Überraschungen sicher“, so Seeger.

Angriffe auf Rettungspersonal hätten nach seiner Erfahrung – Seeger bleibt zurückhaltend und unterstreicht die Subjektivität seiner Einschätzungen – in Zahl wie Schwere zugenommen. „Es gab immer Gewalt bei Einsätzen. Aber das waren meist echte Ausnahmesituationen unter hohem Stress. Oder die Leute waren betrunken und haben mal zugelangt – aber es war oft so, dass sie sich am nächsten Tag entschuldigten.“

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Natürlich, so Seeger, sei Aggression nicht die Regel, verlaufe die Mehrzahl der Einsätze friedlich, zeigten sich die Beteiligten kooperativ. Trotzdem habe sich die Sicht vieler Menschen gewandelt. Der Gesellschaft fehlten zunehmend verbindende Elemente. „Leute der Kriegs- oder Nachkriegsgeneration haben Zeiten des Chaos erlebt, in denen es keine Hilfe im Notfall gab. Die sind dankbar“, so Seeger. Jetzt halte die Mehrheit die von Rettungsdiensten angebotene Versorgung für eine Selbstverständlichkeit, auf die sie Anspruch hätten. „Früher hörten wir immer mal wieder die Bemerkung ,Schön, dass es euch gibt’, die Leute haben bei Einsätzen wahrgenommen, dass ein Mensch in Not ist. Heute ist das Mitgefühl weg. Da heißt es: Sie stehen mir im Weg, so eine Frechheit!“

Äußerst vorsichtig ist Seeger bei Einschätzungen zum Migrationshintergrund als Auslöser von Gewalt. Allenfalls bei Einsätzen in sozial schwachen Wohngebieten mit hohem Ausländeranteil sei verbale Gewalt möglicherweise etwas häufiger. Aber schwerwiegende Übergriffe lasse sich nicht am sozialen Hintergrund festmachen.

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