Inhaftierte lesen CD mit Geschichten ein

Weihnachtsgrüße von Papa oder Mama aus dem Knast

Kassel/Schwalmstadt/Fulda - Für Kinder von Häftlingen ist der Advent eine besonders schlimme Zeit. Die Trennung von Vater oder Mutter kann familiäre Bindungen zerstören. Gefängnisseelsorger versuchen zu helfen - und schlagen mit Weihnachtsgeschichten und Botschaften zum Hören eine Brücke zwischen Angehörigen und Insassen. Der Brückenschlag gelingt mit einer CD zum Anhören. Von Helga Kothe

In den vergangenen Wochen haben Inhaftierte für ihre Kinder im Vorlesealter ausgewählte Adventstexte oder Geschichten vorgelesen, die die Gefängnisseelsorger Dietrich Fröba (Kassel) und Michael Kullinat (Schwalmstadt/Schwalm-Eder-Kreis) in den jeweiligen Justizvollzugsanstalten (JVA) mit einem digitalen Aufnahmegerät aufgezeichnet haben. Als Grundlage diente das Buch „55 Vorlesegeschichten zur Advents- und Weihnachtszeit“. Ein Verlag habe die Verwendung der Geschichten erlaubt, sagt Fröba.

Das Bistum Fulda, das auch die Kosten für die Aktion „Nikolausgrüße aus dem Knast“ trägt, hat die Geschichten und Grüße im bistumseigenen Tonstudio bearbeitet, auf CD gebrannt und mit einer Karte versehen verschickt. „Zu der Aktion gehört regelmäßig ein gemeinsamer Zeichennachmittag in der JVA, wo die Männer gemütlich zusammensitzen und ihre Karten gestalten", erzählt der Kasseler Gefängnisseelsorger, der die Aktion seit 2015 anbietet.

In der JVA in Kassel hätten diesmal neun Inhaftierte teilgenommen. Die Zahl sei konstant, zwei der Väter hätten bereits mehrfach mitgemacht. "Der Hit unter den Geschichten ist die Kurzgeschichte "Der kleine Weihnachtsstern" von Ingeborg Irlesberger", erzählt er. Dabei geht es um einen Weihnachtsstern, der verloren und beschädigt wird, aber schließlich den Weg auf einen Weihnachtsbaum findet. "Die kleine Teilnehmerzahl ist ein Zeichen, wie schwer sich Menschen in Haft zu kreativem Tun motivieren lassen", sagt Fröba. "Umso mehr freuen sich diejenigen, die sich darauf einlassen, über diese Möglichkeit."

Durch die Haft von ihren Familien getrennt zu sein, das beschäftige die Männer: "Dem Herzenswunsch, ihre Rolle als Vater zu leben, steht oft die Angst der Mutter entgegen, der Kontakt könnte den Kindern schaden. In diesem Durcheinander von Gefühlen stehen Grußkarte und CD für ein Stück ersehnte Normalität."

2013 hat der Schwalmstädter Gefängnisseelsorger Michael Kullinat die Aktion im Bistum Fulda initiiert, nachdem er von einem solchen Projekt in der JVA Bremen erfahren hatte. Neben der JVA Kassel hat sich mittlerweile auch die JVA in Darmstadt der Kooperation mit dem Bistum angeschlossen. Ein ähnliches Angebot gab es in der JVA Hünfeld. "Unsere Erfahrungen sind durchweg positiv", sagt der Gefängnisseelsorger aus dem Schwalm-Eder-Kreis.

Die Beweggründe für die Aktion: "Die Väter haben leider nur wenige Kontaktmöglichkeiten zu ihren Kindern. Sie können zweimal im Monat Besuch bekommen und zwei Stunden telefonieren." Die Besuche seien meist unregelmäßig und selten. "Daher besteht die Gefahr, dass das Kind den Vater nicht nur aus den Augen, sondern auch aus den Ohren verliert. Die Stimme zu hören, ist aber immens wichtig."

Einige Kinder hörten die CD eine Zeit lang den ganzen Tag. Andere legten sie nachts unter das Kopfkissen, wie ihm eine Mutter berichtet habe. Zudem sei die CD für die Väter eine Gelegenheit, ihrem Kind etwas zu schenken. Im Allgemeinen sei die Möglichkeit, im Vollzug stark eingeschränkt, Geschenke zu besorgen. "Aus diesem Grund nutzen die Väter diese Aktion gerne, etwas Selbstgemachtes zu schenken", sagt Kullinat: "Damit werden viele Emotionen verbunden, was nicht nur die vorgelesenen Geschichten, sondern vor allem auch der beigefügte persönliche Weihnachtsgruß ausdrückt."

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Das bestätigt Ute Passarge vom Schwarzen Kreuz - Christliche Straffälligenhilfe: "Für Kinder geht viel Leid mit dieser Trennung einher. Nicht nur dass der Vater als Mensch fehlt. Sie bekommen die schwierige Situation der Familie mit, die Verzweiflung der Mutter, die meist schwierige wirtschaftliche Lage." Die Kinder könnten nicht offen mit anderen darüber reden. Ein Gruß zum Hören könne ein großer Schatz für sie sein.

Für die Inhaftierten sei diese Zeit ebenfalls schwer, sagt Passarge. Gerade an Weihnachten spürten sie die ganze Last ihrer Situation. Schuldgefühle und Selbstvorwürfe könnten überhand nehmen und sie in Verzweiflung stürzen. Ihrer Ansicht nach sind Projekte, die helfen, dass Bindungen bestehen bleiben, sehr wichtig: "Das erleichtert die Situation für alle Seite." Die Resozialisierung eines Straftäters sei ohne feste soziale Beziehungen kaum möglich.

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