Wenn die Rente nicht zum Leben reicht

Angst vor Altersarmut

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Viele ältere Menschen in Deutschland müssen jeden Cent zweimal umdrehen. Im Kampf gegen Altersarmut verlangen Experten, dass sie finanziell besser gestellt werden müssen. Dabei sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern enorm. Auffällig: Im Westen klafft eine größere Rentenlücke als im Osten.

Frankfurt - Altersarmut nimmt in Deutschland immer mehr zu, sagen Experten und warnen davor, dass eine steigende Zahl von Menschen im Alter von ihrer Rente nicht mehr leben kann. Auch in Hessen. Von Dieter Hintermeier

Das Thema Altersarmut bekommt die Politik offenbar nicht in den Griff. Trotz wirtschaftlicher Spitzenwerte steigt die Zahl der Menschen, die von ihrer Rente nur schwer leben können.

Wie hoch diese Zahl in Deutschland sei, darüber herrsche Uneinigkeit, sagt der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge. „Während Regierungs- und regierungsnahe Experten auf die relativ niedrige Zahl von 526 000 Menschen verweisen, die Grundsicherung im Alter beziehen, heben Kritiker die sehr hohe Dunkelziffer hervor“, sagt der Sozialwissenschaftler, der selbst der Linkspartei nahesteht und für diese Partei einst für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte. Gerade ältere Menschen, so Butterwegge, wüssten häufig nicht, dass die Grundsicherung ihnen zustünde beziehungsweise sie schämten sich oder seien zu stolz, einen Antrag zu stellen. Manche fürchteten auch den Rückgriff des Grundsicherungsamtes auf das Geld der Kinder oder Enkel, hätten Angst vor den Behörden oder scheuten ganz einfach den Papierkrieg.

„Nach Mikrozensus-Daten des Statistischen Bundesamtes 2017 waren 16 Prozent der Rentner und Pensionäre von Altersarmut betroffen“, so Butterwegge. Die alten Menschen seien die Gruppe, deren Armutsbetroffenheit in den vergangenen Jahren am stärksten zugenommen habe.

Und gibt es „Gebiete“ in Deutschland, wo die Altersarmut besonders ausgeprägt ist? Nach Ansicht von Butterwegge sind es die Landstriche, wo die Arbeitslosigkeit hoch und die Löhne niedrig waren. Das sei zum Beispiel in Ostdeutschland so gewesen.

Aber auch in Hessen nimmt die Zahl dieser Menschen stetig zu, sagt Philipp Stielow, Sprecher des VdK Hessen-Thüringen. „In 2007 lag die Zahl der Rentner, die von Altersarmut betroffen waren, noch bei 12 Prozent. Zehn Jahre später (2017) waren es 15,4 Prozent“, so Stielow. Dass vielen Bürgern in Hessen nicht genügend Mittel zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts zur Verfügung stehen würden, zeige sich unter anderem auch daran, dass allein hier 120 000 Menschen das Angebot der landesweit 56 „Tafeln“ in Anspruch nehmen, von denen schätzungsweise ein Viertel Rentner seien. Und ab wann beginnt die Altersarmut? „Als Grenze gilt die sogenannte Armutsgefährdungsquote: Für einen Ein-Personen-Haushalt liegt sie derzeit bei 1034 Euro im Monat“, rechnet der Sozialverbandssprecher vor.

Generell bewege sich die Armutsgefährdungsquote in Hessen aber etwas unter dem Bundesdurchschnitt. Nur in der Gruppe der über 65-Jährigen sei es umgekehrt: Dort lag die Quote zum Beispiel 2014 mit 16,5 Prozent zwei Prozent über dem Bundesdurchschnitt. In Hessen gingen mittlerweile rund 80 000 der über 65-Jährigen einer Tätigkeit auf Basis des sogenannten Minijobs nach, häufig aus purer Not, mancher aber auch aus Lust und Neigung. Stielow macht weiter darauf aufmerksam, dass Altersarmut in erster Linie „Frauensache“ sei. „Viele von ihnen haben Kinder großgezogen und Angehörige gepflegt und daher nicht kontinuierlich in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt“, sagt Stielow. Die geschlechtsspezifische Rentenlücke sei innerhalb der OECD-Staaten in Deutschland am größten. Demnach beziehen Frauen im Durchschnitt ein um 46 Prozent geringeres Alterseinkommen, inklusive betrieblicher und privater Sicherung, als männliche Rentner.

Im hessischen Sozialministerium verweist man dagegen darauf, dass Frauen im mittleren Lebensalter, die heute 45- bis 50 Jahre alt sind, eine größere Vielfalt an Lebensentwürfen aufweisen und durch ihre stärkere Erwerbsorientierung höhere Altersrenten erwarten könnten als noch die jeweiligen Vorgängergenerationen. Frauen, die die gleiche Möglichkeit wie Männer erhielten, selbstständig für ihren Lebensunterhalt zu sorgen und sich im Verlauf der verschiedenen Lebensphasen eine eigene soziale Sicherung aufzubauen, reduzierten wirksam ihr Armutsrisiko im Alter.

Die Aufgabe der Politik müsse es laut Sozialministerium sein, zügig die Rente zukunftsfest zu machen. Das Drei-Säulen-Modell, bestehend aus der gesetzlichen Rentenversicherung, der betrieblichen Altersversorgung und der privaten Altersvorsorge, sei ein Konzept, das sich bewährt habe, aber weiter gestärkt werden müsse, heißt es.

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