Rainer von Borstel im Interview

Baubranche boomt in der Region, aber Flächen fehlen

Frankfurt - Die Baufirmen in Hessen und im Rhein-Main-Gebiet erleben zurzeit einen Boom.

„Allerdings stellen wir heute schon fest, dass kaum noch Baugebiete ausgewiesen werden, das betrifft insbesondere Frankfurt und Wiesbaden“, sagte Rainer von Borstel, Hauptgeschäftsführer vom Verband baugewerblicher Unternehmer Hessen, im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn. „Städte wie Offenbach und Hanau beziehungsweise der ganze Main-Kinzig-Kreis können hiervon profitieren.“

In Hessen wird überall gebaut. Hält der Boom in Ihrer Branche an?

Aus unserer Sicht wird die gute Auftragslage in der Bauwirtschaft weiter anhalten, auch wenn die Lage in einigen Regionen und Wirtschaftssparten differenzierter zu betrachten ist. Gleichwohl ist die Infrastruktur in den vergangenen Jahrzehnten auf Verschleiß gefahren worden, ein enormer Investitionsstau hat sich angesammelt, der jetzt nach und nach abgetragen werden muss. Gleichzeitig wird immer noch viel weniger bezahlbarer Wohnraum gebaut, als eigentlich gebraucht würde. Hier besteht noch einige Jahre lang Nachholbedarf.

Wie entwickelt sich die Bautätigkeit in Frankfurt, Offenbach und Hanau?

Rainer von Borstel ist Hauptgeschäftsführer beim Verband baugewerblicher Unternehmer Hessen.  

Die Rhein-Main-Region boomt weiter, allerdings stellen wir heute schon fest, dass kaum noch Baugebiete ausgewiesen werden, das betrifft insbesondere Frankfurt und Wiesbaden. Städte wie Offenbach und Hanau beziehungsweise der ganze Main-Kinzig-Kreis können hiervon profitieren. Beim Bau von Wohnungen steigt die Zahl der Baugenehmigungen. Wichtig ist zugleich, dass die Kommunen und Landkreise auch ihrer Verantwortung gerecht werden und die Infrastruktur wie Straßen, ÖPNV, Kindergärten und Schulen ausbauen.
In welchen Bereichen Ihrer Branche wird besonders viel gebaut?
Wenn wir uns die im Bauhauptgewerbe 2017 geleisteten Arbeitsstunden anschauen, entfallen hier die meisten auf den gewerblichen und industriellen Bau, Wohnungsbau kommt tatsächlich erst an dritter Stelle. Man kann aber sagen, dass alle Sparten seit 2015 kontinuierlich zugelegt haben. Das spiegelt sich auch im Beschäftigtenaufbau wieder: Im Jahr 2017 gab es in Hessen ein Plus von 16,5 Prozent auf 31.139 Mitarbeiter.

Wie viele Wohnungen werden im Rhein-Main-Gebiet erstellt? Reicht die Zahl aus, um den Bedarf zu decken?

Der Regionalverband FrankfurtRheinMain hat errechnet, dass bis 2020 in der Metropolregion 14.600 Wohnungen pro Jahr gebaut werden müssten, um den Bedarf zu decken. Das hieße eine Verdopplung der bisherigen Anstrengungen.

 Leider beobachten wir aber derzeit zwei Trends, die den Wohnungsmarkt weiter negativ beeinflussen: Gerade in Städten wie Frankfurt und Wiesbaden werden vor allem Wohnungen im Hochpreissegment fertiggestellt, die hauptsächlich als Investitionsgut gehandelt werden. Das entspannt die Lage kein bisschen.

Darüber hinaus erleben wir hessenweit eher einen Rückgang der Baugenehmigungen im Wohnungsbau – viele wollen bauen, können aber nicht. Gründe hierfür sind unter anderem fehlendes und teures Bauland und hohe Baunebenkosten.

Bilder: Baustelle Heckenborn

Wie haben sich die Preise fürs Bauen in Hessen entwickelt?

Wir müssen hier immer unterscheiden zwischen den Preisen für die Bauleistung und den Baunebenkosten, wozu auch die Grundstückskosten zählen. Alleine für die reine Bauleistung haben wir im ersten Quartal 2018 gegenüber dem ersten Quartal 2017 eine Preissteigerung von vier Prozent.

Dies ist in erster Linie Folge von Preissteigerungen für Material – zum Beispiel Stahlbeton plus 19 Prozent, Holz plus vier Prozent, mineralische Erzeugnisse wie Beton plus drei Prozent – und Tariferhöhungen beim Mindestlohn – plus vier Prozent. Die großen Gewinne werden woanders gemacht, nicht bei den Bauunternehmen. Besonders verschärfen natürlich Grundstücksspekulationen die Preissituation.

Es wird immer wieder darüber diskutiert, ob freie Flächen eher für Wohnungen oder fürs Gewerbe genutzt werden sollten. Was meinen Sie?

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Wir brauchen natürlich beides. Bei Überkapazitäten macht die Novellierung der Hessischen Bauordnung jetzt ja auch die erleichterte Umnutzung von Büroflächen zu Wohnraum möglich.

Warum bewerben sich so wenige Bauunternehmen um Aufträge, die von der öffentlichen Hand ausgeschrieben werden?

Hierfür gibt es mehrere Gründe: Oft kommen die Ausschreibungen aufgrund haushalterischer und politischer Verzögerungen erst im Frühjahr oder Sommer „auf den Markt“, sodass die Firmen bereits Aufträge angenommen haben, gerade bei der derzeitigen konjunkturellen Lage.

Eine große Rolle spielt auch der Preisdruck seitens des öffentlichen Auftraggebers: Sowohl die Bürger als auch das kommunale Parlament drängen auf möglichst sparsame Haushaltsführung, sodass Betriebe mit eigenen Mitarbeitern, die den Tariflohn bekommen, die Ausschreibung häufig ohnehin nicht gewinnen.

Wenn es europaweite Angebote gibt, die „billiger“ sind, haben die Mitarbeiter im Bauamt selten die politische Rückendeckung, sich für den vermeintlich teureren Betrieb aus der Region zu entscheiden, auch wenn der eigentlich wirtschaftlich günstiger ist. Das frustriert natürlich ein Stück weit, und die Unternehmen bedienen eher ihre Stammkunden im gewerblichen Bereich, die den wirtschaftlich günstigsten Anbieter vorziehen.

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