Starkes Seelenporträt eines Pilgers

Chefsache: Laufenberg inszeniert, Lange dirigiert  Wiesbadener „Tannhäuser“

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Lance Ryan muss als Tannhäuser zwischenzeitlich zu Kreuze kriechen.

Wiesbaden - So nackt, wie die Venusberg-Schönheiten den Sängerkrieg auf der Wartburg sprengen, könnten sie einen Eklat bei den Zuschauern im Wiesbadener Staatstheater auslösen. Das passiert bei der Premiere von Richard Wagners „Tannhäuser“ jedoch nicht. Von Axel Zibulski

Vielleicht, weil Uwe Eric Laufenbergs Idee einfach gut ist: Wie in der Partitur vorgegeben, stört Tannhäuser den holden Minnesang mit seinem provokativen Lob der handfesten Liebe. Laufenberg illustriert das allerdings mit fünf gut gebauten weiblichen wie männlichen Nymphen. Assoziationsreich hat der Regie führende Intendant den Konflikt zwischen göttlich-reiner und sinnlicher Liebe während der Ouvertüre im Video auf den Punkt gebracht. Alte und neue Päpste, Tiere und Tsunamis, Hippies und 11. September: Von allem etwas ist im Kino zu sehen, in dem sich aus stummen Pilgern das Venusberg-Bacchanal herausschält.

Wiesbaden wählt eine Mischung aus Dresdner, Pariser und Wiener Fassung der Oper, die Wagner der Nachwelt noch schuldig zu sein glaubte. Laufenbergs Kaleidoskop wirft manches unvermittelt in den Raum, so die Kreuzsymbolik, die erst Elisabeths Schmuck, danach Überwürfe der Sänger (Kostüme: Marianne Glittenberg) und zuletzt die ganze dunkle Bühne Rolf Glittenbergs prägt, der mit Geweihen und Waldprojektion die Romantik als Kitsch und Fassade ausweist.

Nicht nur die Regie dieses uneingeschränkt begeistert aufgenommenen „Tannhäuser“ ist Chefsache, auch die musikalische Leitung. Wiesbadens frisch gestarteter Generalmusikdirektor, der erst 36 Jahre alte Patrick Lange, kann eingangs manche Schnitzer im Graben nicht verhindern. Beim von Chor und Extrachor üppig gestalteten Einzug der Gäste auf der Wartburg scheint er kurzzeitig sogar die Zügel aus der Hand zu geben. Um danach den Sängerwettstreit mit äußerster Rücksicht auf die Bühne austragen zu lassen. Und schließlich den beiden eindrucksvollsten Sängern eine perfekt mitatmende, klanglich berückende Partnerschaft zu bieten.

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Benjamin Russell bringt seinen jungen, sonor-tragenden Bariton ein, der Wolfram von Eschenbachs Lied an den Abendstern strömen lässt. Sabina Cvilak hat neben ihrem reifen, aber rein und gerade geführten Sopran eine faszinierende Präsenz im großartigen Porträt der Elisabeth. Geschmackssache: Jordanka Milkovas unverständliche Artikulation als Venus, Young Doo Parks eintönig derb-dunkler Landgraf Hermann sowie Aaron Cawleys intonatorisch unsteter Walther von der Vogelweide.

Einen gemischten Eindruck hinterlässt Lance Ryan in der Titelpartie. Sein Tannhäuser hat sicher platzierte, wenngleich enge Höhen neben oft flacher Mittellage, die im Wettstreit ganz aus dem Fokus gerät. Die Rom-Erzählung dagegen ist das ergreifende Seelenporträt eines Unerlösbaren, sehr inwendig, sehr wissend deklamiert.

Überhaupt gehört Ryan zu den Solisten, die Laufenbergs Defizite in der Personenführung auszugleichen wissen. Denn frei von Peinlichkeiten ist die nicht. Elisabeths gläserner Schneewittchensarg, ein weiterer Auftritt der Nymphchen mit Sektchen, Tannhäusers plumper Abgang ins neblige Licht: Dergleichen könnte sich eine konsequent konzeptionell arbeitende Regie verkneifen ...

Nächste Vorstellungen am 24. November, 3. und 17. Dezember, 10. und 28. Januar.

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