Zocken in der Isolation

Online-Spiele erleben Boom wegen Corona - Für Süchtige ist die Krise eine Chance

Leere Plätze vor den Spielautomaten: Notorische Spielhallengänger können derzeit keine Casinos besuchen. Für einige die Chance, dem Glücksspiel zu entsagen, andere wiederum zocken virtuell weiter. 
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Leere Plätze vor den Spielautomaten: Notorische Spielhallengänger können derzeit keine Casinos besuchen. Für einige die Chance, dem Glücksspiel zu entsagen, andere wiederum zocken virtuell weiter. 

Ob Gesellschafts-, Computer oder Glücksspiele: In der Corona-Isolation wird vermehrt virtuell gezockt. Ob die Games-Branche davon profitieren kann, ist noch unklar. Für einige Glücksspielsüchtige bietet die Krise hingegen auch eine Chance.

Offenbach – In der Kneipe eine Runde Skat oder Doppelkopf zocken, mit Freunden eine kleine private Pokerrunde starten oder eine gepflegte Partie Schach oder Backgammon spielen – all das ist derzeit wegen der Corona-Pandemie nicht erlaubt. Zumindest nicht live und gemeinsam in einem Raum. Doch im digitalen Zeitalter ist das kein Problem. Plattformen für Online-Spiele erfreuen sich gerade hoher Nachfrage – wie bei den Messenger-Diensten explodieren die Nutzerzahlen.

Die Plattform Brettspielwelt.de bietet 61 virtuelle Karten- und Brettspiele an, darunter bekannte Gesellschaftsspiele wie Siedler von Catan, Wizard oder das Kartenspiel Doppelkopf. Sebastian Mellin ist Mitbetreiber der Seite. Er bestätigt, dass Corona zu einem Boom geführt hat: „Seit den Einschränkungen hat die Nutzung stark angezogen“, informiert er auf Nachfrage.

Auch Rainer Woisin von Schach.de, einer der größten Schachplattformen Deutschlands, bestätigt den Trend: „Schach wird jetzt noch viel mehr online gespielt. Grob geschätzt würde ich plus 50 Prozent für unsere Plattform sagen.“ Viele Amateure nutzten das Angebot, berichtet er. „Aber auch die Verbände und Vereine verlegen ihre offiziellen Turniere auf unseren Server.“ So habe man vor zwei Wochen die Deutsche Schach-Internetmeisterschaft für den Deutschen Schachbund ausgerichtet – „mit über 1 000 Teilnehmern, darunter viele Großmeister und Nationalspieler“. Weitere Turniere seien auf die Plattform verlagert worden: „Nächste Woche finden die offiziellen Deutschen Amateurmeisterschaften bei uns statt.“ Auch das von den Schach.de-Betreibern mitorganisierte Schulprojekt in Bremen „Schach macht schlau“ mit 4 000 Grundschülern werde ab nächster Woche ein Online-Spielangebot nutzen können, „als Ergänzung der digitalen Unterrichtsangebote“.

„Leider haben wir selbst keine Daten, die einen Boom bei Online-Spielen unterstreichen würden“, bedauert Martin Puppe, Pressesprecher des Verbands der Deutschen Games-Branche (game). Er verweist jedoch auf eine Meldung der Zeitschrift Spiegel, wonach auf Steam, einer Plattform für PC-Spiele, Ende März rund 23,4 Millionen Menschen gleichzeitig aktiv waren. Statistiken zeigten allerdings, dass die am meisten genutzten Spiele („Counter-Strike“ und „Dota 2“) kostenlose Angebote seien, deswegen sei unklar, ob die gestiegene Anzahl von Spielerinnen und Spielern auch zu mehr Umsatz in der Branche führten. Er zitiert eine Pressemitteilung des Verbands, der zufolge allerdings wenig Optimismus bei den Anbietern herrscht: Knapp zwei Drittel der Unternehmen (62 Prozent) befürchteten negative Auswirkungen auf ihren Geschäftsbetrieb, heißt es dort. „Auch drohen immer mehr Unternehmen in finanzielle Not zu geraten.“

Doch steigt in Corona-Zeiten nicht auch die Gefahr für all jene, für die spielen mehr ist als nur ein angenehmer Zeitvertreib? Für Zocker, die um Einsätze spielen und die exzessiv Glücksspiel betreiben „Es ist noch zu früh, um dazu systematisch Daten ermitteln zu können“, sagt Ilona Füchtenschnieder, Vorsitzende des Fachverbands Glücksspielsucht. Aber ihr Eindruck ist, dass es für viele Zocker auch eine Chance sei, wenn derzeit Casinos wegen Corona geschlossen sind: „Reine Spielhallen-Spieler sehen die Welt momentan mit ganz anderen Augen. Sie empfinden es als Befreiung.“ Ihr Verband habe bereits Rückmeldungen erhalten, dass die derzeitige Situation Glücksspielsüchtige in ihrem Entschluss bestärkt habe, aufzuhören.

Natürlich gebe es auch diejenigen Zocker, die nun in virtuelle Spielhallen wechselten. Füchtenschnieder betont, dass Online-Casinos nach deutscher Rechtssprechung illegal seien: „In Deutschland darf – außer in Schleswig-Holstein – kein Glücksspiel online angeboten werden.“ Genutzt werden Plattformen wie Pokerstars oder Partypoker hierzulande dennoch, wie ein Pokerspieler aus der Region uns gegenüber bestätigt. „Die Zahlen sind seit Corona mehr geworden.“ Auf der Plattform, auf der er pokere, hätten sie sich teilweise sogar verdoppelt. Er glaubt, sich in einer rechtlichen Grauzone zu bewegen: „Die Portale haben ihren Geschäftssitz ja nicht in Deutschland, deswegen unterliegen sie auch nicht deutschen Gesetzen.“

Ab 2021 tritt in Hessen ein neuer Glücksspiel-Staatsvertrag in Kraft, in dem auch das virtuelle Zocken auf eine gesetzliche Basis gestellt wird: Demnach sind Glücksspiele wie Pokern dann online erlaubt, allerdings mit gewissen Einschränkungen.

Eine Ausnahme bilden jetzt schon die Sportwettenanbieter, die wegen ausstehender Klagen und Urteile neben Sportwetten teils auch weiterhin Glücksspiele anbieten: Wegen des Mangels an Sportereignissen würden die großen Sportwettenanbieter ihre Nutzer sogar auf die Online-Casinos verweisen, berichtet Füchtenschnieder. „Das ist eine perfide Strategie“, kritisiert sie. Für Glücksspielsüchtige und notorische Zocker hat sie einen Ratschlag: „Man kann sich das Geld auch zurückholen, weil die Online-Casinos illegal sind.“ Voraussetzung sei, „dass der jeweilige Spieler auch wirklich aufhören möchte“.

VON NIELS BRITSCH

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