Erfolgreich in der Nische:

Hessische Craftbier-Brauer behaupten sich am Markt

+
Craft Beer-Flaschen mit den Aufdrucken "Steckenpferd", "läuft", "gut sud" und Kellerkind" stehen in der Braumanufaktur Steckenpferd auf dem Tresen.

Kassel/Frankfurt/Limburg - Klasse gegen Masse: Mit diesem Versprechen erreicht vor neun Jahren die Craftbier-Welle Deutschland. Auch in Hessen gründen Anhänger der ungewöhnlichen Biersorten eigene Mini-Brauereien. Mittlerweile lässt der Hype nach - doch Hessens Craftbier-Brauer haben ihren Platz gefunden.

Kein Gehalt, kein Lieferwagen, kein Vertrieb: 2015 beginnen die Kasseler Studenten Johannes Alt (heute 33) und Erik Schäfer (heute 31), Craftbier zu brauen. Das ist zwar hip, aber auch ziemlich hart. "Die ersten Kästen haben wir noch per Straßenbahn ausgeliefert", erinnern sie sich. Doch der Name ihres Bieres "Läuft." ist Programm: Trotz aller Unwägbarkeiten und Herausforderungen läuft es für die Brauer. Drei Jahre später sitzen Alt und Schäfer in ihrer eigenen Bar, der "Braumanufaktur Steckenpferd". Neben den Gründern arbeiten dort eine Aushilfe und ein Koch. Mittlerweile könne man sich selbst auch ein kleines Gehalt zahlen, sagen Alt und Schäfer. Neben "Läuft." gibt es mit "Kellerkind" eine zweite feste Biersorte. 200 Hektoliter produziert "Steckenpferd" pro Jahr - das entspricht 40.000 Halbliter-Bierflaschen. Um in einen Craftbier-Vertrieb zu kommen, reiche das nicht.

Damit das Bier zum Kunden kommt, müssen die Studenten selbst auf Festivals fahren, Läden und Gastronomie beliefern. Unglücklich wirken sie nicht: "Wir wollen nicht Krombacher werden." Man wolle nicht nur Bier verkaufen, sondern auch Kultur machen. So ist ihre Bar auch eine Galerie. Der Mix aus "Designästhetik und Metzgercharme", wie sie es selbst nennen, ist urig und erfüllt einige Klischees einer Craftbier-Bar.

Craftbier aus regionalen Brauereien

Vor einigen Jahren rollte die Craftbier-Welle aus den USA nach Deutschland. In Amerika war die Rollenverteilung klar. Kleine Brauer gegen große Konzerne. Doch in Deutschland traf der Trend auf eine andere Szene: Hier gab es viele kleine und mittelständische Brauereien. So beschreibt der Begriff Craftbier in Deutschland oft nur sehr aromaintensive Biere wie Pale-Ale, Stout und Kellerbiere, die in kleineren Mengen gebraut werden. Ob dabei viel per Hand gemacht wird oder regionale Zutaten verwendet werden, bleibt jedem Hersteller überlassen. "Craftbiere werden in Deutschland sowohl von vielen bekannten, alteingesessenen Brauereien angeboten als auch von Brauereien, die erst in den letzten Jahren eröffnet haben", sagt Imke Häsel vom Brauerbund Hessen.

Insgesamt gebe es in Deutschland aktuell mehr als 1500 Brauereien. 80 sind in Hessen. Die Zahl stieg zuletzt. "Wie viele dieser Betriebe ausschließlich Craft-Sorten brauen, dazu gibt es keine Zahlen", erklärt Häsel. Marktforscher hätten versucht, das neue Segment über die Menge der Marken und des produzierten Bieres zu erfassen: Demnach liege der Marktanteil bei knapp 0,5 Prozent, gemessen am Gesamtumsatz des deutschen Biermarktes. "Damit stellt Craftbier eine kleine Nische dar, die jedoch von hoher Wertschöpfung, hoher Kreativität und immenser Medienwirkung geprägt ist", sagt sie. Auch Roland Demleitner, Bundesgeschäftsführer des Verbands Private Brauereien in Limburg, glaubt an die Zukunft des Craftbiers. "In den letzten Jahrzehnte seit der Wiedervereinigung ist der Trend im Gesamtmarkt rückläufig". Die Deutschen trinken weniger Bier. Doch gleichzeitig gebe es eine stärkere Nachfrage nach heimischen Produkten. "Von dem Trend profitieren regionale und Craftbier-Brauereien."

Von Handwerk und Hochprozentern: Trend zu Craft-Spirituosen

Zu den bekanntesten Craftbier-Firmen aus Hessen gehört Braufactum aus Frankfurt. 2010 gegründet, gehört das Unternehmen mit zwölfköpfigem Team zur Radeberger-Gruppe. "Wir sind im deutschen Biermarkt angekommen und haben uns aus der reinen Spezialitätenecke für eingefleischte Bier-Enthusiasten hin zu einem Angebot für eine breitere Zielgruppe entwickelt", sagt Geschäftsführer Marc Rauschmann. Der Hype sei einer gewissen Normalität gewichen. Braufactum spielt in einer ganz anderen Liga als die Kasseler Steckenpferd Manufaktur: 18 eigene Biere sind nach Firmenangaben deutschlandweit an 1000 Verkaufsstellen, in mehr als 250 gastronomischen Betrieben sowie in 100 Bars auf Kreuzfahrtschiffen verfügbar. "Wir haben unser Angebot und die Aktivitäten ständig ausgebaut und weiterentwickelt", erklärt Rauschmann.

Der neueste Trend sind Craftbier-Gastronomien. Mittlerweile eröffnete das zweite Restaurant von Braufactum in Dresden, das erste steht seit 2017 in Berlin.

"Schön, im Keller zu stehen"

Der Markt ist umkämpft: US-Craftbier-Größen wie Stone Brewing drängen nach Deutschland. Und auch Billigkonkurrenz versucht Anteile zu erobern: Bei Discountern gibt es Craftbier für ein paar Cent - der Begriff ist nicht geschützt. Das Kasseler Bier "Läuft." kostet 2,55 bis 3,20 Euro im Einzelhandel. Alt und Schäfer stört der Preiskampf nicht: "Lidl erreicht nur die, die sowieso zu Lidl gehen", sagen sie. Größere Sorgen bereiten ihnen große Konzerne, die "Verträge mit den Gastronomen haben und versuchen, kleine Brauer draußen zu halten".

Am Ende, so glaubt der Brauerbund, wird Craftbier allen helfen. Es bleibe im Trend, "auch wenn der Begriff sich vielleicht in Deutschland am Ende nicht durchsetzen wird", sagt Sprecherin Häsel. Craftbier werde weiter dazu beitragen, neue Konsumentenkreise zu erschließen und die Wertschöpfung sowie das Image des Bieres zu steigern. "Davon profitieren alle Brauereien in Deutschland." (dpa)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare