Interview

Mathildenhöhe als Unesco-Welterbe? „Viele dachten, es sei eine Nummer zu groß“

Das Ausstellungsgebäude wird saniert. Fotos: Berins (3)/ Schuster (1)
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Das Ausstellungsgebäude wird saniert.

Philipp Gutbrod, Direktor des Instituts Mathildenhöhe in Darmstadt, erklärt, was der Titel Welt-Erbe für die Stätte bedeuten würde. 

Offenbach/Darmstadt – Die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt hofft auf den Welterbe-Titel der Unesco, im Sommer könnte es so weit sein. Wir haben mit Philipp Gutbrod, dem Direktor des Instituts Mathildenhöhe, darüber gesprochen, was der Titel bedeuten würde, wie die Stätte mit einem Besucheransturm umgehen will und welche Bezüge es zum Bauhaus gibt.

Herr Gutbrod, steht der Champagner schon kalt?

Philipp Gutbrod: Noch nicht, aber wir werden natürlich groß feiern, wenn es soweit ist. Es waren Jahre der intensiven Arbeit von vielen Beteiligten, die mit Begeisterung an das Projekt gegangen sind und daran geglaubt haben.

Was kann Ihnen jetzt noch einen Strich durch die Rechnung machen?

Philipp Gutbrod: Eigentlich nur die Entscheidung der Unesco. Sie tagt im Sommer im chinesischen Fuzhou und urteilt dann basierend auf dem, was vorliegt. Wir haben alles getan, was möglich war, und können jetzt nur noch abwarten. Aber wir wollen natürlich Welterbestätte werden. Nicht der Weg, sondern die Anerkennung ist das Ziel.

Sie sind zuversichtlich, dass es klappt?

Philipp Gutbrod: Durchaus. Wir haben eine umfangreiche Bewerbung geschrieben, wir haben viel Neues zutage gebracht, Bauabschnitte erforscht. Am Ausstellungsgebäude haben wir etwa anhand einer Fundstelle herausgefunden, dass der Putz an der Außenfassade einen Grau-, und nicht einen Weißton hatte, der bisher zu sehen war. Auf Hunderten Seiten haben wir dargelegt, dass es sich bei der Mathildenhöhe um eine Stätte mit „außergewöhnlichem universellen Wert“ handelt: Sie ist ein einzigartiges Gebäudeensemble und hatte Anfang des 20. Jahrhunderts zentralen Einfluss auf die Entwicklung von Kunst und Architektur.

Worin besteht dieser „außergewöhnliche universelle Wert“ konkret?

Philipp Gutbrod: Aus mehreren Aspekten. Um nur einen zu nennen: Die Mathildenhöhe war die erste internationale Bauausstellung auf Dauer weltweit. Die Architekten und Künstler – darunter Joseph Maria Olbrich, Peter Behrens, Hans Christiansen – wohnten teilweise selbst in den Häusern. Zu den Ausstellungen auf der Mathildenhöhe waren die Wohnhäuser für Besucher und Besucherinnen geöffnet und blieben nach der Ausstellung erhalten. Sie bilden bis heute das Zentrum des kulturellen Ortes Mathildenhöhe.

Einige Häuser, unter anderem das von Peter Behrens, sind in Privatbesitz und nicht zugänglich. Bleibt das so?

Philipp Gutbrod: Die Häuser waren schon immer Privathäuser, manche konnten von der Stadt zurückgekauft werden, andere sind bis heute in Privatbesitz. Großherzog Ernst Ludwig schenkte den Architekten das Grundstück, wenn sie rechtzeitig zur Ausstellung fertig wurden – sozusagen als zusätzlichen Anreiz. Peter Behrens hat hier sein erstes Haus gebaut. Im Krieg wurde es beschädigt, im Innern ist nichts mehr original. Aber im Außenbereich gibt es noch diese wunderbare Baukeramik von Villeroy & Boch, die Tür ist original, die Kernelemente des Gebäudes sind erhalten.

Wird man das Haus mal besichtigen können?

Philipp Gutbrod: Die Entscheidung hierüber liegt bei den Eigentümern. Wir stehen aber in Verbindung mit sämtlichen Besitzern auf der Mathildenhöhe und freuen uns, dass sie unsere Welterbe-Bewerbung unterstützen. Einige Häuser werden bei Sonderveranstaltungen geöffnet, etwa bei unseren „Jugendstiltagen“.

Gibt es Parallelen zum Bauhaus und den Meisterhäusern in Dessau ?

Philipp Gutbrod: Oh ja, ganz viele. Peter Behrens war Lehrer von Walter Gropius und von Ludwig Mies van der Rohe, also von gleich zwei Direktoren des Bauhauses. Gropius erwähnte 1919 die Künstlerkolonie Darmstadt in einem Gründungsdokument. Das Bauhaus fußt auf den Errungenschaften, die hier erzielt worden sind.

Welche sind das?

Philipp Gutbrod: Ganz wichtig war zum Beispiel die erste Ausstellung auf der Mathildenhöhe 1901. Sie war ein enormer Impuls: Moderne Kunst, Architektur und Design wurden als Gesamtkunstwerk präsentiert. Die Häuser nahmen nicht etwa die Stilelemente der Umgebung auf, sondern waren in einem internationalen Stil angelegt. Es gab sogar schon ein Flachdach – unglaublich für das Jahr 1901! Deshalb gehen wir auch nicht als Jugendstil-Stätte ins Rennen, sondern als entscheidender Ort der Frühmoderne, an dem die Anfänge des Internationalen Stils zu sehen sind.

Warum hat sich die Mathildenhöhe nicht schon vorher als Welterbe beworben?

Philipp Gutbrod: Für viele war die Mathildenhöhe einfach ein schöner Ort zum Boule spielen oder spazieren gehen. Aber Welterbe? Als ich hierherkam, habe ich gespürt, dass viele dachten, das sei eine Nummer zu groß. Mit dem Sprung auf die Tentativliste 2014 gab es einen Bewusstseinsumschwung: Ein internationales Gremium räumte der Mathildenhöhe tatsächlich Chancen auf den Titel ein!

Der Sanierungsbedarf ist allerdings hoch.

Philipp Gutbrod: Es gibt viel zu tun, ja. Viele große Schritte sind schon gemacht. Das Ausstellungsgebäude wird saniert, ebenso das Haus Deiters, das Haus Olbrich, das Große Haus Glückert. Die Mathildenhöhe wird in ein paar Jahren schön sein wie ewig nicht mehr.

Die Arbeiten am Ausstellungsgebäude dauern schon bald acht Jahre...

Philipp Gutbrod: Die Sanierung ist parallel zum Projekt Welterbe gewachsen: Am Anfang ging es nur um eine energetische Sanierung, da war noch nicht die Rede von einem neuen Außenputz und neuen Fenstern. Dann gab es eine Dynamik, die Forschung kam hinzu. Das ist dann von einem kleineren Projekt zu einer grundständigen Sanierung geworden. Nach Fertigstellung wird es ein neues Café-Restaurant geben sowie einen Zwischenbau zum Hochzeitsturm.

Der Welterbetitel würde die Mathildenhöhe noch bekannter machen. Rechnen Sie mit einem Besucheransturm?

Philipp Gutbrod: Definitiv. Und wir mussten dem Unesco-Komitee zeigen, dass wir auf hohe Besucherzahlen eingerichtet sind und die Infrastruktur – Toiletten, Vortragsraum, Möglichkeiten für pädagogische Angebote – im Blick haben. Es wird ein Besucherzentrum gebaut, das in wenigen Jahren in Funktion genommen werden soll.

Im Jahr 2018 wurden 700 000 Besucher gezählt – als Welterbestätte wären es sicher eine Million und mehr, oder?

Philipp Gutbrod: Das ist durchaus vorstellbar.

Das Thema Parkplätze hat für Diskussionen gesorgt. Wo sollen die ganzen Besucher parken?

Philipp Gutbrod: Natürlich nicht auf der Mathildenhöhe. Es wird ein Shuttlebus-System geben, und Parkhäuser werden mehr in das Gesamtkonzept eingebunden. Das ist natürliche eine Umstellung: Viele waren gewohnt, mit dem Auto hochzufahren. Aber Sie können ja auch nicht bis zum Schiefen Turm von Pisa mit dem Auto vorfahren. Und in der Liga spielen wir dann mit.

Das Gespräch führte Lisa Berins.

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