Wahl als Laienrichter

Ehrenamt mit Sinn für Gerechtigkeit

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Harry Herrmann-Hubert ist Vorsitzender der Vereinigung ehrenamtlicher Richterinnen und Richter im Landesverband Hessen und seit gut 20 Jahren Schöffe.

Frankfurt - Es ist ein Ehrenamt mit dem gewissen juristischen Extra: Schöffen entscheiden gleichberechtigt mit Berufsrichtern über Schuld und Strafe. In diesem Jahr werden neue Bewerber für die kommende Amtsperiode gesucht. Von Andrea Löbbecke 

Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, ein hohes Maß an Sozialkompetenz und eine gewisse Lebenserfahrung: Ein Schöffe muss gleich mehrere wichtige Eigenschaften mit in den Gerichtssaal bringen. Davon ist Harry Herrmann-Hubert überzeugt. Der 68-jährige Frankfurter ist – mit einer Unterbrechung – seit 1997 Laienrichter und seit 2006 Vorsitzender der hessischen Vereinigung ehrenamtlicher Richterinnen und Richter. Dieses Jahr steht in Deutschland wieder die Schöffenwahl an, die nächste fünfjährige Amtszeit beginnt am 1. Januar 2019.

Auch in Hessen suchen derzeit die Kommunen neue Ehrenamtliche für die Vorschlagslisten, aus denen die Gerichte ihre Laienrichter auswählen. Nach Angaben des Justizministeriums in Wiesbaden sitzen in hessischen Gerichten allein mehr als 2 500 Hauptschöffen neben ihren hauptberuflichen Kollegen auf Richterbänken.

Bewerben kann sich grundsätzlich jeder deutsche Staatsbürger zwischen 25 und 69 Jahren, der noch nicht wegen einer ernsteren Sache mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Schöffen nehmen an der Gerichtsverhandlung in gleichem Umfang und mit gleicher Stimme teil wie die Berufsrichter.

„Mich fasziniert die Juristerei“, sagt Herrmann-Hubert. Vor seinem Einsatz als Schöffe arbeitete er in der Jugendgerichtshilfe. „Daher wusste ich in etwa, was auf mich zukommt.“ Wichtige Eigenschaften eines Laienrichters seien eine gute Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen. „Außerdem sollte man auch in extremen Situationen vorurteilsfrei sein“, betont der erfahrene Schöffe. „Ich darf mich nicht davon leiten lassen, wenn ein Fall große öffentliche Aufmerksamkeit erfährt.“

Der ehrenamtliche Richter dürfe nicht zögern, auch harte Strafen zu verhängen. „Man muss den Mut haben, zu richten.“ Dabei helfe eine „Standfestigkeit in der Argumentation“, um seine Meinung bei den Beratungen im Richterzimmer plausibel zu vertreten. „Allerdings ist Starrsinn fehl am Platz.“ Wichtig sei vielmehr eine gute Dialogfähigkeit.

Herrmann-Hubert begrüßt es, dass Schöffen in Deutschland auch über das Strafmaß mitentscheiden können. „Es ist nur konsequent, die Laienrichter bei den weiteren Schritten mit einzubeziehen.“

Das ist sogar gesetzlich verankert: Entscheidungen über die Schuld eines Angeklagten und seine Strafe bedürfen laut Strafprozessordnung einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Im amtsgerichtlichen Schöffengericht mit einem Berufs- und zwei Laienrichtern können die Schöffen daher theoretisch gegen den Vorsitzenden entscheiden. Auch in den Strafkammern des Landgerichts gilt: Gegen die Stimmen beider Schöffen kann niemand verurteilt werden.

In Deutschland gibt es nach den Worten von Herrmann-Hubert 100 000 ehrenamtliche Richter – das sind jedoch nicht nur Schöffen, sondern auch Laienrichter beispielsweise an Handels-, Landwirtschafts- oder Arbeitsgerichten. Diese müssen sich zusätzlich in ihrem Fachgebiet auskennen.

Auch für Jugendschöffen gelten spezielle Voraussetzungen. Wer einem Jugendrichter zur Seite sitzt, muss in Erziehungsfragen bewandert sein und beruflich oder privat Erfahrungen in der Jugendarbeit gesammelt haben, wie Herrmann-Hubert erklärt. Dieses Wissen könnte ein Fußballtrainer mitbringen, aber auch ein Ausbilder in einem Betrieb.

In der Zusammenarbeit mit den hauptamtlichen Richtern habe er nie Probleme gehabt, erzählt der 68-Jährige. Aber Schwierigkeiten seien schon denkbar. Ein Schöffe könne vielleicht lästig sein, wenn er schwer von Begriff ist oder seine Meinung unbedingt durchsetzen will. Herrmann-Hubert hat jedoch nach eigenen Worten eher die Erfahrung gemacht, dass Richter die Vorschläge der Laien gern aufgreifen.

Im Gerichtsverfahren selbst gehe es meist um „alle Geschichten, die das Leben so schreiben kann“. Manche Fälle seien auch belastend, etwa wenn bei Tötungsdelikten die Bilder der Obduktion angeschaut werden, sagt der Schöffe. „Das geht einem schon nah, aber man darf sich das nicht zu sehr zu Herzen nehmen, denn dann würde das Urteilsvermögen beeinträchtigt.“

Ein Fall blieb ihm besonders im Gedächtnis: Ein Mann saß wegen des Vorwurfs der Freiheitsberaubung und Vergewaltigung auf der Anklagebank. Er erklärte zu seiner Verteidigung, er habe das Opfer kurz vor der Tat in einer Straßenbahn vor vier männlichen Zeugen im Sinne der Scharia geheiratet – und nur von seinem Recht als Ehemann Gebrauch gemacht. Herrmann-Hubert recherchierte und fand heraus: Selbst im Heimatland des Mannes wäre die Ehe zivilrechtlich nicht gültig. (dpa)

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