Darmstadt

Ausstellung im Landesmuseum: Wo die Energien zusammenfließen

Bei der Arbeit: Vor 50 Jahren installierte Joseph Beuys seinen „Block Beuys“ in Darmstadt. Mehrmals veränderte er die Installation. Jetzt wirft das Hessische Landesmuseum einen genauen Blick auf die Aktionsobjekte. Foto: Barbara Klemm
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Bei der Arbeit: Vor 50 Jahren installierte Joseph Beuys seinen „Block Beuys“ in Darmstadt. Mehrmals veränderte er die Installation. Jetzt wirft das Hessische Landesmuseum einen genauen Blick auf die Aktionsobjekte.

Vor 50 Jahren installierte Joseph Beuys im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt seinen „Block Beuys“. Eine Ausstellung will den weltweit größten zusammenhängenden Werkkomplex des Künstlers jetzt erklären – und damit den Grundstein für seine Neuentdeckung legen.

Darmstadt – Ausgerechnet Darmstadt! In dieser mittelgroßen Stadt hat der Jahrhundertkünstler Joseph Beuys vor 50 Jahren seinen „Block Beuys“, eine Art Museum im Museum, installiert. Martin Faass, seit einem Jahr Direktor des dortigen Hessischen Landesmuseums, will diesen Schatz jetzt neu entdecken. Intensiver als bisher soll mit der Installation gearbeitet werden, die vom Museum als „weltweit größter Werkkomplex“ des Künstlers angepriesen wird.

Die Ausstellung „Kraftwerk Block Beuys“, die zum Auftakt des 200-jährigen Bestehens des Museums gezeigt wird, ist nur ein erster Schritt. In Zukunft soll dem „Block Beuys“ auch aktuelle, zeitgenössische Kunst gegenübergestellt werden, sagt Faass. Der Argentinier Thomás Saraceno werde den Anfang machen. Die Vision ist, dass sich das Museum „als Ort für zeitgenössische Rauminstallation“ profilieren werde. So viel zu „Block Beuys“ im 21. Jahrhundert.

Die Ausstellung, die jetzt zu sehen ist, wirft einen Blick zurück und präsentiert die Entstehung und die Geschichte des Werks. Das tut sie ohne Kommentar und ohne Fragen oder Ideen zu diskutieren, was ein wenig schade ist, denn Beuys hat durchaus seine Widersprüche, die eine Einordnung wert wären. Die Debatte um seine Verbindung zu Alt-Nazis, die vor zwei Jahren mit der Biografie von Hans Peter Riegel aufflammte, auch sein Faible für Grenzwissenschaften werden ausgeklammert. Es macht den Eindruck, als sei etwas wegelassen worden, und als sei diese Verkürzung nur ein Teil der Wahrheit. Kuratorin Gabriele Mackert verweist auf eine Tagung mit Experten, in denen Kontroversen angesprochen würden.

Sieben Räume umfasst die Installation des 1921 in Krefeld am Niederrhein geborenen und 1986 gestorbenen Ausnahmekünstlers. Der „Block Beuys“ sei ein „Erfahrungsraum“, wie Kuratorin Mackert sagt. Viele der Objekte, die quer und teils eng gestellt sind, stammen von Performances. „Beuys hat das Material in seinen Aktionen symbolisch aufgeladen“, sagt Faass. Für den Künstler war sein „Block“ ein Energiespeicher, ein Kraftfeld. Zu lesen ist er auch als Sinnbild für den Beuys’schen Kosmos, in dem Rituale, Energien, Spiritualität, Naturliebe, Mythen und Schamanismus ebenso eine Rolle spielen wie die Kritik an gesellschaftlichen Ordnungen. Mit anderen Worten: Um die Installation zu verstehen, ist es hilfreich zu wissen, wie sie entstand – eine ausführliche Erklärung liefert die neue Ausstellung.

Deren Herzstück bilden, neben dem eigentlichen Kunstwerk, Filme der Aktionen, etwa „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ von 1965, Fernsehsendungen und Dokumentationen, Plakate, Objekte, Zeitzeugeninterviews und viele Erklärtexte. Ein wenig hat man das Gefühl, durch einen Fußnotenkatalog einer wissenschaftlichen Arbeit zu laufen. Was nicht uninteressant ist, im Gegenteil, aber eben auch Muße verlangt.

Dahingegen ist der „Block Beuys“ ein unmittelbares, körperliches Erlebnis. Er ist in der Form zu sehen, wie ihn Beuys selbst arrangiert hat. Bis zu seinem Tod kam der Künstler immer wieder ins Museum, reparierte, nagelte einen Filzanzug an die Wand, veränderte die Installation. Sie sei aber kein Experimentierfeld gewesen, betont Gabriele Mackert. Das Werk stelle einen Wendepunkt in Beuys’ Schaffen dar: Von nun an arbeitete er verstärkt mit Fett und Filz, nahm Abstand von Fluxus – und etablierte sich extrem erfolgreich auf dem aufblühenden Kunstmarkt.

Dass der „Block Beuys“ nach Darmstadt gelangte, verdankt die Stadt dem Großindustriellen Karl Ströher. Der kaufte 1967 eine gesamte Beuys-Ausstellung, die zuvor im Städtischen Museum in Mönchengladbach zu sehen war, für 360 000 D-Mark – ein „Schnäppchen“, wie Mackert sagt. Zugleich sicherte sich Ströher ein exklusives Kaufrecht für Beuys’ weitere Produktion und versprach, das Werk öffentlich zu zeigen.

1970 installierte der Künstler dann über 200 Objekte im Darmstädter Museum – mit der Zeit kamen noch einige hinzu, heute sind es 290. Nach Ströhers Tod im Jahr 1977 ging dessen Sammlung an seine Erben, 1989 kaufte die Hessische Kulturstiftung den „Block Beuys“ für 16 Millionen D-Mark und übergab ihn dem Museum – was eine heftige Diskussion über die Bedeutung des Werks auslöste. Vor der Generalsanierung des Museums 2006 bis 2014 entbrannte sie erneut. Diesmal ging es um die Frage, ob etwa die Jute-Wandbespannung zum Originalzustand des Werkes zählte und erhalten bleiben müsste. Die Wände sind mittlerweile weiß gestrichen, ein Kompromiss wurde für den Boden gefunden, auf dem teils noch originaler Teppich liegt.

Der „Block Beuys“ sei ein Erbe, das immer wieder polarisiere, sagt Faass. Der Direktor sieht eine große Chance in dem Werk, auch wegen des heute wiederentdeckten „Umweltaktivismus“. Joseph Beuys war bekanntlich Mitbegründer der Partei Die Grünen; in seiner Kunst allerdings ging es nicht um Naturwissenschaft – wie etwa heute beim Künstler Olafur Elíasson. „Bei Beuys spielt auch Fiktion eine Rolle“, sagt Faass; da wäre etwa die berühmte Legende von seinem Flugzeugabsturz bei den Krimtataren. Beuys habe ein eigenes „System, ein Narrativ“ erschaffen, so Faass. Dem kommt die neue Ausstellung auf unprätentiöse und fundierte Art auf die Schliche. Ein guter Anfang!

Die Sonderausstellung „Kraftwerk Block Beuys“ ist bis 24. Mai im Hessischen Landesmuseum Darmstadt zu sehen, Öffnungszeiten: Di., Do., Fr. 10 bis 18 Uhr, Mi. 10 bis 20 Uhr, Sa. und So. 11 bis 17 Uhr. Online-Tickets und Infos zu Führungen sowie zur Tagung „Das Museum als Ort der permanenten Konferenz“ (28. und 29. März , jeweils 11 bis 17 Uhr) unter www.hlmd.de. beri

VON LISA BERINS

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