Schlechte Aussichten für Ältere

Vorsitzender der Regionaldirektion Hessen spricht über die Jobkrise

Nicht nur für diejenigen, die keinen Berufsabschluss haben, stehen die Chancen auf Hessens Arbeitsmarkt schlecht. Auch für Ältere sieht es nicht gut aus.
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Nicht nur für diejenigen, die keinen Berufsabschluss haben, stehen die Chancen auf Hessens Arbeitsmarkt schlecht. Auch für Ältere sieht es nicht gut aus.

Die Jobaussichten in Hessen sind gut – außer für die Älteren. Der Chef der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, Frank Martin, sagte: „Wir sollten neue Ideen und Strategien entwickeln, wie Arbeiten im Alter in der Zukunft aussehen kann. “.

Frankfurt – Die Konjunktur lahmt. Wie wird sich die Arbeitslosigkeit in Hessen in diesem Jahr entwickeln?

Wir können für 2020 nicht mehr mit der Dynamik der Vorjahre rechnen. Anhand der Trendberechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) wird es nur noch zu einem geringen Rückgang der Arbeitslosenzahlen um etwa 0,4 Prozent kommen. Das hieße für das laufende Jahr eine durchschnittliche Arbeitslosigkeit von etwas über 149 000 Personen in Hessen.

Wie wird sich die Quote entwickeln?

Arbeitslosenquoten lassen sich kaum seriös prognostizieren. Unvorhergesehene Ereignisse wie zum Beispiel Insolvenzen können in langfristigen Trendrechnungen nicht berücksichtigt werden. Selbst die Entwicklung der Arbeitslosigkeit für einzelne Agenturbezirke ist nur schwer prognostizierbar.

Wie sieht die Entwicklung bei den Geringqualifizierten aus?

Das Risiko, arbeitslos zu werden und dann auch zu bleiben, ist gerade bei Menschen ohne Berufsabschluss besonders hoch. Geringqualifizierte konnten in den letzten Jahren deutlich weniger von der guten konjunkturellen Entwicklung profitieren, als Arbeitslose mit einer Ausbildung. Fast 60 Prozent aller Arbeitslosen in Hessen haben mittlerweile keinen Berufsabschluss. Die meisten davon benötigen existenzsichernde Leistungen aus der Grundsicherung. Sie konnten trotz der guten konjunkturellen Entwicklung ihren Status quo nicht verändern.

Mit dem Teilhabechancengesetz wurden neue Möglichkeiten geschaffen, Menschen, die schon sehr lange arbeitslos sind, mit finanzieller Unterstützung in Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln. Das gelingt vereinzelt auch bei Menschen, die bisher noch nie gearbeitet haben.

Aber mit diesem Instrument erreichen wir längst nicht alle, die arbeitsmarktfern sind. Eine berufliche Qualifizierung erhöht merklich die Chancen auf eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt.

Wie viele freie Stellen wird es im nächsten Jahr geben?

Die Arbeitskräftenachfrage wird auch im nächsten Jahr hoch sein. Allein durch demografische Veränderungen werden die Betriebe weiter nach neuen Mitarbeitern Ausschau halten. In Hessen gibt es derzeit einen hohen Bedarf an Fachkräften im Bereich Pflege und Gesundheit, im Bau und in einigen Handwerksgewerken, besonders in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Aber auch bei Friseurmeistern wird es langsam eng.

Welche Bereiche werden vom Anstieg der Arbeitslosigkeit betroffen sein?

Aktuell sehen wir Veränderungen im Verarbeitenden Gewerbe, besonders bei der Metall- und Elektroindustrie und der chemischen Industrie. Hier geht die Zahl der Beschäftigten zurück und in den betroffenen Regionen melden sich mehr Menschen arbeitslos als in den Vorjahren. Ebenfalls sehen wir Rückgänge bei den Zeitarbeitsunternehmen.

In welchen sieht es entspannter aus?

Die Beschäftigungsentwicklung in Hessen ist gut, sodass wir davon ausgehen, dass auch 2020 die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung weiterwächst. Bis auf das Verarbeitende Gewerbe und die Arbeitnehmerüberlassung bauen derzeit alle anderen betrachteten Wirtschaftszweige ihren Mitarbeiterstamm auf. Damit stehen die Chancen, einen Job zu bekommen, gut, vorausgesetzt man kann eine berufliche Qualifikation vorweisen.

Frank Martin

Wie sieht die Entwicklung bei den über 60-Jährigen aus?

Obwohl immer mehr Menschen mit über 60 Jahren noch berufstätig sind, sind die Chancen auf einen neuen Job, wenn man einmal arbeitslos geworden ist, deutlich geringer. Das Renteneintrittsalter liegt mittlerweile bei 67 Jahren und viele wollen und müssen bis zu diesem Zeitpunkt berufstätig sein. Wir müssen also umdenken: Arbeitgeber wie Arbeitnehmer und auch wir als Arbeitsvermittlung. Eine Qualifizierung kann mit 60 noch wichtig und sinnvoll sein. Wir sollten neue Ideen und Strategien entwickeln, wie Arbeiten im Alter in der Zukunft aussehen kann.

Wie steht es um die unter 30-Jährigen?

Jüngere Menschen haben immer noch die niedrigste Arbeitslosenquote in Hessen. Die Möglichkeiten, einen Ausbildungsplatz oder einen Studienplatz zu finden, sind gut und werden es gerade auch aus demografischen Gesichtspunkten gesehen, bleiben. Der Übergang von der Schule in den Beruf ist ein wichtiger Schritt. Jedes Jahr stehen junge Menschen vor der einschneidenden Entscheidung, welchen Beruf oder welchen Studiengang sie wählen sollen. Dabei wollen wir junge Menschen unterstützen und sie davor bewahren, dass die erste Erfahrung mit dem Erwerbsleben die eigene Arbeitslosigkeit ist.

Mit der Einführung der Lebensbegleitenden Berufsberatung vor dem Erwerbsleben (LBB) im letzten Jahr startet die berufliche Orientierung durch die BA ab dem neuen Schuljahr noch frühzeitiger. Zudem wird das Orientierungs- und Beratungsangebot der Arbeitsagenturen an den Gymnasien deutlich ausgebaut.

Das Gespräch führte Marc Kuhn

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