Opfer berichtet

Lebensgefährliche "Experimente" an Frauen: Opfer aus Gießen berichtet von Stromschlägen

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Übers Hausstromnetz sollen sich über 80 Frauen auf Anleitung des Beschuldigten selbst Stromschlägen ausgesetzt haben.

Ein Mann soll über 80 Frauen dazu überredet haben, sich selbst Stromschlägen auszusetzen. Nun berichtet eines der Opfer aus Gießen. 

  • Vorwurf des 88-fach versuchten Mords: Falscher Arzt steht vor Gericht
  • Er soll Frauen angewiesen haben, sich Stromschläge zu verpassen
  • Opfer aus Gießen berichtet von Erlebnissen

Update, 14.11.2019: Ganz wohl fühlt sich die junge Gießenerin im Saal des Landgerichts München nicht. Während ihrer Aussage am Mittwochmittag erwähnt sie, dass ihr das, was im Sommer 2017 passierte, sehr peinlich sei. Die 24-Jährige tritt als Nebenklägerin in einem aufsehenerregenden Verfahren auf: Sie war eines von mindestens 88 Opfern, die ein heute 30 Jahre alter Mann über mehrere Jahre hinweg zu lebensgefährlichen "Experimenten" mit Strom überredet haben soll. "Ich war naiv", sagt sie nach ihrer Aussage. "Jetzt kann ich endlich einen Schlussstrich unter die Sache ziehen."

Der Fall der jungen Gießenerin steht exemplarisch für viele andere. Sie hatte vor zwei Jahren bei Ebay-Kleinanzeigen eine Annonce geschaltet, weil sie einen Nebenjob suchte. Bereits zuvor habe sie immer wieder an wissenschaftlichen Studien teilgenommen, sagt sie. Dann habe sich Raik Haarmann bei ihr mit einer ausführlichen E-Mail gemeldet. Er sei Biomediziner an der Universität Gießen und suche Probanden für ein Experiment mit hoher Aufwandsentschädigung. Um aber an der vermeintlich wissenschaftlichen Studie teilnehmen zu können, müsse sie zuerst einen Test absolvieren. Er habe auf sie sehr eloquent gewirkt, sagt die Gießenerin, und habe sein Anliegen fundiert begründet.

Angeklagter gab sich als Biomediziner der Uni Gießen aus

Der Angeklagte, der in Wirklichkeit weder Raik Haarmann heißt, noch an der Uni Gießen tätig ist, habe ihr anschließend eine Anleitung geschickt. Sie sollte ein zweiadriges Lampenkabel entgittern und an beiden Adern jeweils einen Metall- mit einem Holzlöffel verbinden. Anschließend wies er sie schriftlich über den Nachrichtendienst Skype an, die Apparatur an die Schläfen oder an die Füße zu halten - während er die Geschehnisse aufzeichnete, um sie sich selbst anzuschauen oder über das Darknet zu verkaufen.

Die Gießenerin sagt, sie habe sich sehr überwinden müssen, dann aber die Schläfen gewählt. Als sie die Apparatur ans Hausnetz angeschlossen habe, sei die Sicherung herausgeflogen und ihr schwarz vor Augen geworden. Wie lange sie weggetreten gewesen sei, wisse sie nicht. Als sie wieder aufgewacht sei, sei sie voller Adrenalin gewesen. Und: "Es hat sich angefühlt, als würde mein Gehirn brennen." Der Angeklagte habe sich dann wieder bei ihr gemeldet und erklärt, der Versuch sei fehlgeschlagen und müsse wiederholt werden - an den Füßen. Den zweiten Versuch jedoch habe sie nicht mehr gemacht, sagte sie. "Weil ich Angst hatte." Ein paar Tage später habe sich der Mann erneut bei ihr gemeldet. Sie habe ihm nicht mehr geantwortet, den Gesprächsverlauf gelöscht und ihn auf Skype gesperrt.

Gießen: Opfer versetzte sich Stromschlag über Hausnetz

Kurz nach dem "Experiment" habe sie sich ihrem Freund anvertraut. Der habe ihr gesagt, warum sie "so einen Mist" mache. Anschließend habe sie nicht mehr daran gedacht, vielleicht auch denken wollen. Erst als sich die Polizei Anfang 2018 bei ihr meldete, sei alles wieder hochgekommen. "Das war sehr traumatisch", sagt sie. Zeitweise habe sie keinem Arzt über den Weg getraut, unter psychischen Problemen gelitten. Nun wisse sie mit Blick auf die vielen anderen Opfer: "Ich bin nicht alleine mit dieser Last. Es klingt traurig, aber das gibt mir Zuversicht."

Vertreten wird die Gießener Nebenklägerin vom heimischen Strafverteidiger Alexander Hauer. Er betont, entscheidend bei dem Prozess werden die Sachverständigen sein. Denn die Verteidiger des Angeklagten hatten die Taten ihres Mandanten damit erklärt, er habe das Asperger-Syndrom - eine Form des Autismus - und mit seiner Umwelt kommunizieren wollen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm 88-fachen versuchten Mord vor, um seinen Fetisch zu befriedigen. Die Eltern des Angeklagten hatten sich laut dpa an die Gießenerin gewandt, ihn als kranken Mann beschrieben und um Verständnis gebeten. "Das war zu viel für mich", sagt die junge Frau. "Auch Asperger-Autisten haben einen Sinn dafür, was richtig ist und was falsch."

Update, 12.11.2019: In dem Prozess um 88-fachen versuchten Mord mit lebensgefährlichen Stromschlägen - eines der Opfer kommt aus Gießen - hat das Landgericht München II die Öffentlichkeit für weite Teile der Verhandlung ausgeschlossen. 

Es folgte damit am Dienstag einem Antrag der Verteidigung. Der Anwalt des 30 Jahre alten Angeklagten hatte den Ausschluss gefordert, weil es "um das Sexualleben" des Mannes gehe und er inzwischen in einem psychiatrischen Krankenhaus behandelt werde. 

Gießen: Nebenklägerin in Prozess um 88-fachen versuchten Mord

Die Öffentlichkeit wurde für die Einlassungen des Angeklagten, Aussagen der zum Tatzeitpunkt minderjährigen Zeuginnen und die Schlussplädoyers ausgeschlossen. Der Vorsitzende Richter begründete das damit, dass es um das "Sexualleben" des Angeklagten und "intime Wünsche" gehe. Die Anklage gehe von der "Befriedigung des Geschlechtstriebes" als Mordmerkmal aus und von einer "fetischistischen Komponente" im Tatmotiv. 

Der 30-Jährige aus dem Raum Würzburg ist wegen versuchten Mordes an 88 Frauen und Mädchen, darunter eine Gießenerin, die nun als Nebenklägerin auftritt, angeklagt. Er soll sie per Skype dazu gebracht haben, sich selbst lebensgefährliche Stromschläge zuzufügen. Er soll sich als Wissenschaftler ausgegeben und behauptet haben, er suche Teilnehmerinnen für eine medizinische Studie. Dafür soll er auch Geld geboten haben.

Erstmeldung, 22.10.2019: Sie hatten wohl alle die Hoffnung auf einen lukrativen Nebenjob. Dass er lebensgefährlich sein könnte, davon ahnten sie wahrscheinlich nichts. Ein 30 Jahre alter Mann soll sich als Wissenschaftler ausgegeben und bundesweit junge Frauen dazu gebracht haben, sich selbst Stromschläge zu versetzen. Über mehrere Jahre sollen so über 80 Opfer zusammengekommen sein - sie alle überlebten den teils lebensgefährlichen Kontakt mit dem Strom. Eine von ihnen kommt aus Gießen. Sie tritt als Nebenklägerin in dem Prozess auf, der am 12. November vor dem Landgericht München beginnt, wie die dortige Pressestelle gegenüber dieser Zeitung bestätigt. Der Vorwurf lautet auf 88-fachen versuchten Mord.

Vorwurf: 88-fach versuchter Mord - Geschädigte aus Gießen

Ins Rollen gebracht hatte den Fall vor eineinhalb Jahren eine damals 16 Jahre alte Schülerin aus dem bayerischen Landkreis Fürstenfeldbruck; daher auch die Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft München. Wie die Tageszeitung "Die Welt" damals berichtete, hatte die junge Frau auf einer Onlineplattform einen Nebenjob gesucht. Ein Mann habe sich bei ihr gemeldet und sich als Wissenschaftler einer nahe gelegenen Universität ausgegeben, schilderte Hans-Peter Kammerer, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, der Welt. Der Mann habe eine finanzielle Vergütungen für die Teilnahme an einem angeblichen Forschungsexperiment mit Strom in Aussicht gestellt.

Dies soll der Beschuldigte mit wechselnden Identitäten bei über 80 jungen Frauen getan haben. Übers Internet soll der Mann diese dann angeleitet haben, sich provisorische Apparaturen zu bauen und anschließend über das 230-Volt-Stromnetz der jeweiligen Häuser selbst Stromstöße zu versetzen. Dabei hätten die jungen Frauen teils erhebliche Schmerzen erlitten, im schlimmsten Fall sterben können - was aber nicht geschah.

Frau aus Gießen als Nebenklägerin

Anzeige erstattete erst die Schülerin aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck; später schloss sich die Gießenerin als Nebenklägerin an. Warum so viele Opfer sich nicht gemeldet haben? Gegenüber der Welt betonte der Polizeisprecher: "Manche haben sich sicher aus Schamgründen nicht getraut."

Nachdem die junge Frau Anzeige erstattet hatte, bildete die Kripo Fürstenfeldbruck in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft München die Ermittlungsgruppe "Strom". Schnell konnten sie die Identität des Mannes feststellen. Wie die Welt berichtete, wurde er im Februar 2018 an seinem Wohnsitz im Landkreis Würzburg festgenommen. Die Beamten hätten ihn dabei überrascht, als er gerade dabei gewesen sei, Kontakt mit einem neuen Opfer zu knüpfen. Dabei hätten die Beamten Datenträger mit über 200 Videos sichergestellt, die der Mann von seinen "Probandinnen" gefilmt haben soll. So konnten die Ermittler weitere junge Frauen, die auf den Mann hereingefallen sein sollen, identifizieren und kontaktieren.

Polizeilich soll der 30-Jährige ein unbeschriebenes Blatt gewesen sein, berichtete die Welt. Nach seiner Festnahme hätte er ein Teilgeständnis abgelegt. Vermutet wird, dass der Beschuldigte mit seinen Taten seinen sexuellen Fetisch befriedigen wollte. Entscheidend für den Prozess dürften in diesem Zusammenhang die psychiatrischen Gutachten werden und die Frage, ob der 30 Jahre alte Mann bei den vorgeworfenen Taten vermindert schuldfähig gewesen sein könnte. Dann wird es um die Frage gehen, ob der Beschuldigte bei einer Verurteilung in ein reguläres Gefängnis muss oder in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht wird.

Gießen: Mitwirken an Schuldfrage

Bei der Aufklärung der Taten mitzuhelfen ist auch die Intension der Gießener Nebenklägerin, sagt deren Vertreter Alexander Hauer. Der Rechtsanwalt betont, seiner Mandantin gehe es weniger um die Höhe einer möglichen Strafe für den Beschuldigten, sondern um das Mitwirken bei der Schuldfrage. 

Die Rechte einer Geschädigten als Nebenklägerin sind klar geregelt - und gehen über die Rechte eines "einfachen" Zeugen hinaus. Über ihren Anwalt darf die Nebenklägerin Akten einsehen, hat Rede-, Antrags- sowie ein eingeschänktes Revisionsrecht. Ihr Vertreter kann außerdem ein Plädoyer halten und damit noch einmal die Sicht seiner Mandantin in das Verfahren einbringen. Ein Urteil wird Ende Januar erwartet.

khn

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