Katalog nach Testlauf fest verankern

Grundwortschatz für Grundschüler

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Wie schreibt man bloß „Vorfahrtsstraßenschild“? Die achtjährige Darja hat das Wort nach Gehör auf die Tafel geschrieben und dann zusammen mit ihren Mitschülern korrigiert.

Bad  Homburg - Derzeit wird ein Grundwortschatz an hessischen Schulen erprobt. Die Resonanz scheint positiv. Ab nächstem Schuljahr soll die Liste verbindlich werden. Dennoch haben Lehrer noch Wünsche. Von Thomas Maier 

Auf die Klasse 3a der Landgraf-Ludwig-Grundschule wartet der „Brocken des Tages“. Die achtjährige Darja schreibt fein säuberlich mit Kreide das Wort „Vorfartstraßenschield“ an die Tafel – bewusst einfach nach Gehör. Schon gehen jede Menge Finger in den Reihen hinter ihr hoch – ein Zeichen dafür, dass viele Kinder die richtige Schreibweise zu kennen glauben. Darja nimmt geduldig einen nach dem andern dran, bis zehn Minuten später in Gemeinschaftsarbeit das Wort korrekt an der Tafel steht. Grundschüler stöhnen seit jeher über die vielfältigen Regeln der deutschen Rechtschreibung. In periodischen Abständen häufen sich die Klagen von Eltern, dass Kindern bei der Orthografie von Lehrern angeblich nichts mehr beigebracht wird. Es ist auch ein beliebtes Thema in der Öffentlichkeit – bis hin zum Stammtischgespräch.

Darauf hat das Land Hessen nach dem Vorbild Bayerns mit einem Grundwortschatz reagiert. Der umfasst alphabetisch („Vom Apfel bis zum Zeh“) rund 850 Wörter, die den Grundstock für das Erlernen der Orthografie bilden sollen. Er enthält „Funktionswörter“, die in der deutschen Sprache besonders häufig benutzt werden wie „aber“ oder „was“. Zahlreiche Modellwörter sollen zugleich die speziellen Probleme der Rechtschreibung verdeutlichen. Erprobt wird der Leitfaden noch bis zum Sommer in 62 hessischen Grundschulen.

In der Schule in Bad Homburg im Taunus hat 3a-Klassenlehrerin Sarah Cortes Sanchez das Modellwort „Straße“ dem Grundwortschatz entnommen – und in Eigenregie das „Vorfahrtsstraßenschild“ entwickelt, um die Kinder mit diesem Sprachbrocken zu fordern. Darja und ihre Mitschüler analysieren selbstständig, ohne dass die Lehrerin groß eingreifen muss, die Bestandteile des Wortes von „Vor“ bis „Schild“. Anschließend beschäftigen sie sich auch noch mit den Vokalen.

In der Klasse mit den 24 Schülern geht es diese Woche schwerpunktmäßig um das scharfe S („ß“) – wo und wie es richtig eingesetzt wird. Neben der „Straße“ erhalten die Kinder der 3a von ihrer Lehrerin noch andere Lernwörter wie etwa „Strauß“, die den Gebrauch des scharfen S verdeutlichen sollen. Bei den Erst- und Zweitklässlern werden noch die einfacheren Dinge gelernt, etwa die Konsonantenverdopplung bei „Affe“ oder „fallen“.

Das Kultusministerium will mit dem Grundwortschatz nicht nur die Rechtschreibkompetenz der Grundschüler stärken, sondern auch den Lehrern einen Leitfaden zur Hand geben. „Wir brauchen eine Standardisierung für die weiterführenden Schulen“, sagt Kultus-Staatssekretär Manuel Lösel, der den Grundwortschatz maßgeblich mitinitiiert hat, bei einem Besuch in der Bad Homburger Schule. Mit dem Grundwortschatz soll zugleich den Eltern die weitverbreitete Angst genommen werden, ihre Kinder würden in der Grundschule nicht mehr richtig schreiben lernen. Das hält Lösel für „Unsinn“. Jedes Kind in Hessen könne nach Ende der Grundschulzeit schreiben, lesen und rechnen.

Wunder sind jedoch vom Grundwortschatz nicht zu erwarten. Klassenlehrerin Cortes Sanchez benutzt ihn als Ergänzung, wie sie sagt. Der Leitfaden ist auch für Lösel nur ein Instrument unter anderen. Neben den gängigen Lehrbüchern wird es an den Schulen also weiterhin – die nicht unumstrittenen – Anlaut-Tabellen geben. Kinder lernen die Rechtschreibung dabei über Laute.

Die Resonanz unter den Lehrkräften auf den Grundwortschatz sei gut, berichtet Schulleiterin Gabriela Schnabel in Bad Homburg. Die Bandbreite ist allerdings groß. Die einen freuten sich über die zusätzliche Hilfe, weiß Schild. Die anderen meinten, sie hätten bisher auch weitgehend schon so gearbeitet.

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Auch der Lehrerverband VBE hält den Grundwortschatz für eine vernünftige Sache. Solche Leitfäden gebe es aber schon in den üblichen Lehrwerken. Vor einer generellen Einführung müsse daher geprüft werden, ob es Kollisionen gebe, fordert der hessische VBE-Vorsitzende Stefan Wesselmann. „Wichtig ist es, die Praktiker in den Schulen zu hören.“ Das wird laut Kultusministerium bei der derzeit laufenden fachlichen Auswertung passieren. Das Land will den Leitfaden dann zum Beginn des nächsten Schuljahres für die 200.000 Grundschüler in Hessen verbindlich einführen.

Dann soll es zusätzlich für die Lehrer eine spezielle Handreichung geben, die derzeit am Institut für Germanistik der Universität Gießen entwickelt wird. Solche Erläuterungen hält auch die Landgraf-Ludwig-Schule in Bad Homburg für geboten. Schulleiterin Schnabel gibt dem Staatssekretär bei seinem Besuch einen Wunsch mit. Ihr Kollegium hätte den Leitfaden auch gerne in digitalisierter Form. (dpa)

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