Zahl der Waffenschein-Anträge geht zurück

Bewaffnung: Haushalte haben aufgerüstet

+
Der Weiße Ring rät davon ab, sich zwecks Selbstverteidigung zu bewaffnen. Zwar geht die Nachfrage nach dem Kleinen Waffenschein in Hessen zurück, doch nimmt die Opferschutzorganisation ein großes Bedürfnis nach Selbstverteidigung wahr.  

Offenbach/Hanau - Wer Schreckschusswaffen oder Reizgas zur Selbstverteidigung mit sich tragen will, braucht in Deutschland einen Kleinen Waffenschein. Von Nikolas Sohn 

Im Rhein-Main-Gebiet hat die Nachfrage abgenommen, wenngleich das Niveau von erteilten Lizenzen und der im Umlauf befindlichen Waffen immer noch hoch ist.
Angesichts von Terrorgefahr und sexuellen Übergriffen haben sich die Hessen in hohem Maß mit Reizgas, Elektroschockern und Schreckschusswaffen gerüstet: Aktuell sind mehr als 48 000 Kleine Waffenscheine beim Nationalen Waffenregister registriert, mehr als doppelt so viele als im Jahr 2015. Auch im Rhein-Main-Gebiet bewegt sich die Bereitschaft, sich selbst zu verteidigen, noch immer auf einem hohen Level – obgleich die aktuelle Nachfrage nach dem „Kleinen“ eher rückläufig ist.

Wurden in Offenbach 2016 insgesamt 201 Scheine (2015: 90) ausgegeben, waren es im vergangenen Jahr mit 103 fast um die Hälfte weniger. 2018 waren bis Ende Juni 62 kleine Waffenscheine ausgehändigt worden. Im Kreis Offenbach nahm die Anzahl gegenüber 479 in 2016 und dem Höchststand von 906 im vergangenen Jahr ebenfalls deutlich ab. Das zumindest signalisiert die Zahl der bisher in diesem Jahr ausgegebenen 178 Scheine. Der Main-Kinzig-Kreis vermeldet ebenfalls ein Minus: von 1 436 ausgehändigten Scheinen in 2016 gegenüber 702 in 2017 auf nun 351 im laufenden Jahr.

Dagegen offenbarte die zum 1. Juli ausgelaufenen Amnestie zum illegalen Waffenbesitz ein tiefer greifendes Problem. „Wir hatten einen erheblichen Zulauf von Bürgerinnen und Bürgern. Darunter waren viele, die Dachbodenfunde wie Weltkriegswaffen abgaben, aber auch automatische Waffen“, sagt der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Hessen, Lars Maruhn. Ab Januar seien auf diesem Weg insgesamt 915 scharfe Schusswaffen bei der Polizei abgegeben worden. Maruhn vermutet aber noch eine hohe Dunkelziffer von daheim gebunkerten Exemplaren. Insgesamt sind laut hessischem Innenministerium derzeit 450 631 Waffen und Waffenteile in Privatbesitz, legal versteht sich.

Für den Rückgang der Nachfrage nach dem Kleinen Waffenschein macht das Innenministerium auch die Aufklärungsarbeit der örtlichen Waffenbehörden verantwortlich. „Diese weisen bei Antragstellung darauf hin, dass das Führen einer Schreckschuss-, Reizstoff- oder Signalwaffe nur vermeintlich ein höheres Maß an Sicherheit gewährleistet“, sagte ein Sprecher. Denn der geringe positive Effekt bei der Eigensicherung wiege die beim Einsatz dieser Waffen entstehenden Gefahren bei Weitem nicht auf. Auch Gewerkschaftsvorsitzender Maruhn hält es für den falschen Weg, sich deshalb zu bewaffnen, und sei es mit dem kleinen Reizgas. Bürger sollten eher präventiv handeln, sich über Selbstverteidigungskurse Courage und Handlungssicherheit aneignen.

Polizei stellt Waffen, Drogen und Schmuck sicher: Fotos

Das nach wie vor große Bedürfnis der Bürger nach Schreckschusswaffen und Abwehrsprays verbinden Fachleute mit der Angst vor Terror und konkreten Ereignissen wie den Vorfällen zu Silvester in Köln oder jüngst in Wiesbaden im Mordfall Susanna F. „Die Fälle sind mit Sicherheit typische Auslöser für das zeitweilig erhöhte Sicherheitsbedürfnis vieler Bürger“, sagt Maruhn. Doch das ist so eine Sache mit der eigenen Wahrnehmung. „Das subjektive Sicherheitsgefühl bei den Bürgerinnen und Bürgern ist meist schlechter als die tatsächliche Situation“, erklärt der Gewerkschafter. Es werde beeinflusst durch Faktoren wie der aktuellen Ereignislage oder auch durch die Berichterstattung. Maruhn geht davon aus, dass die Hessen trotzdem ein hohes Vertrauen in die Sicherheitsbehörden haben. „Jedoch wird aber auch die Überfrachtung mit immer mehr Aufgaben angesichts einer immer dünner werdenden Personaldecke wahrgenommen.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare