Pandemie

Corona belastet ambulante Pflegedienste: „Angst ist immer da“

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ambulanten Pflegedienste sind für viele hilfsbedürftige Menschen eine unverzichtbare Stütze in ihrem Alltag. Durch Corona wird auch ihr Arbeitsalltag schwer belastet. symbol
+
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ambulanten Pflegedienste sind für viele hilfsbedürftige Menschen eine unverzichtbare Stütze in ihrem Alltag. Durch Corona wird auch ihr Arbeitsalltag schwer belastet. symbol

Ambulante Pflegedienste kümmern sich auch während der Corona-Pandemie um hilfsbedürftige Menschen. Die Belastung für das Personal steigt dabei physisch wie psychisch.

Offenbach - Susanne Benz’ Arbeitstag beginnt in der Regel um 6.30 Uhr. „Ich arbeite zwölf Tage am Stück, dann habe ich Samstag und Sonntag frei“, berichtet die Geschäftsführerin eines Rodgauer Pflegedienstes, die auch selbst kräftig mit anpacken muss. Etwa acht Stunden pro Tag betreut sie zusammen mit ihren acht Angestellten rund 80 Menschen in Rogdau, Frankfurt und Offenbach. Streng getaktet ist die Betreuung nicht. „Wir sitzen bei unseren Patienten nicht mit der Stoppuhr.“ Sie wisse jedoch, dass dies bei manchen ambulanten Pflegedienste durchaus anders gehandhabt wird.

Neue Corona-Variante Omikron besorgt ambulante Pflegedienste

Ihren Patienten hilft Benz beim Anziehen, der Körperpflege, bereitet Frühstück oder Mittagsessen zu und verabreicht bei Bedarf Medikamente. Stets mit im Raum: Die Sorge, sich mit Covid-19 anzustecken. „Die Angst vor Corona ist immer da.“ Denn zu ihren Patienten gehörten auch Menschen, die mit dem Virus infiziert seien. „Wir pflegen unsere Patienten aber natürlich trotzdem.“

Eine Infektion innerhalb ihres Teams wäre für Benz kaum aufzufangen. Sie blickt daher besorgt auf die neue Omikron-Variante. „Ich habe keine Angestellten in der Hinterhand, die einspringen könnten, wenn jemand krank wird.“ Fielen mehr als zwei Pflegerinnen gleichzeitig aus, könne sie ihre Klienten kaum noch angemessen versorgen.

Wegen Corona: Ambulanter Pflegedienst strukturiert Arbeitsalltag neu

Um sich und ihre Mitarbeiterinnen zu schützen, hat die Leiterin schon zu Pandemie-Beginn den Arbeitsalltag neu strukturiert: Bei der Versorgung ihrer Patienten herrsche strikte FFP2-Maskenpflicht, betont sie. „Dadurch schützen wir nicht nur unsere Patienten, sondern auch uns selbst.“ Ihre Angestellten dürfen sich zudem nicht mehr im Büro treffen, Kontakt erfolge ausschließlich übers Telefon. „Wir winken uns höchstens mal zu, wenn wir mit dem Auto aneinander vorbei fahren.“

Die strengen Regeln erschwerten die Zusammenarbeit, weiß Benz, und auch der Alltag laste auf den Pflegerinnen. „Du nimmst alles mit nach Hause“. Zumal ihr Pflegedienst 24 Stunden für ihre Patienten bereit steht. Da kämen Anrufe am Abend oder in der Nacht schon mal vor. „Wir sorgen uns natürlich auch um unsere Patienten“, versichert Benz. Gerade nach Weihnachten, wo viele mit ihrer Familie gefeiert haben. „Bisher ist mir allerdings in diesem Zusammenhang keine Infektion eines Patienten bekannt.“

Pflegedienstleiterin: Nach Ostern 14 Patienten an Corona verstorben

Die Leiterin weiß, wie fatal solche Zusammentreffen seien können. Über Ostern hätten sich 16 ihrer Patienten mit Corona infiziert, 14 davon seien verstorben. „Viele unserer Patienten wurden erst im April geimpft, als die Hausärzte damit begonnen haben“, berichtet sie. Und auch die Boosterimpfungen mussten die Hausärzte vornehmen. Mobile Teams seien nicht bei ihren Patienten gewesen, beklagt Benz.

Apropos Impfen: Die ab 15. März 2022 geltenden Impfpflicht für Pflegepersonal bereitet Benz keine Sorgen. Sie und ihre Angestellten seien schon vollständig immunisiert, Personal werde sie daher nicht verlieren. Eines ist für die Leiterin allerdings klar: „Ich werde niemanden mehr einstellen, der nicht geimpft ist.“

Corona-Impflicht: Pflegedienstmitarbeiter werden wohl kündigen

Eine solche Regelung gibt es bei Home Instead aus Hanau bisher nicht. Bei dem Franchise-Unternehmen des aus den USA stammenden Betreuungs- und Pflegedienstes, der Kunden im Main-Kinzig-Kreis und Kreis Offenbach betreut, arbeiten ausschließlich Betreuungskräfte, zu deren Aufgaben Betreuungs- und Entlastungsleistungen in allen Bereichen sowie pflegerische Leistungen zählen, erläutert Pflegedienstleiterin Andrea Dowengerds. Noch seien einige Mitarbeiter ungeimpft – und manche werden das wohl auch bleiben.

„Wir werden auf jeden Fall Betreuungskräfte verlieren“, betont Dowengerds mit Blick auf die bevorstehende Impfpflicht. Denn nicht jeder ihrer Mitarbeiter wolle sich gegen das Virus immunisieren lassen. Zu einem personellen Engpass werde es jedoch nicht kommen, versichert sie. „Wir haben viele Bewerber, die bei uns arbeiten möchten.“

Der ambulante Pflegedienst betreue auch Kunden, die sogar darauf bestünden, dass ihre Betreuer ungeimpft seien, sagt Dowengerds. „Wir führen in den Haushalten unserer Kunden dieselben Diskussionen, die auch in der Öffentlichkeit ausgetragen werden.“ Dennoch versuche der Pflegedienst weiterhin seine ungeimpften Mitarbeiter davon zu überzeugen, sich gegen das Virus immunisieren zu lassen – mit Erfolg, wie die Pflegedienstleiterin berichtet: „Einige unserer Mitarbeiter wollen sich glücklicherweise nun doch noch impfen lassen.“  (Von Joshua Bär)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare