Die Zusammenarbeit mit Rosin während der Aufzeichnung der Sendung im Frühjahr dieses Jahres war so konfliktgeladen, dass sie nun nach der Ausstrahlung Wellen geschlagen und Aufmerksamkeit auch in so manchen Boulevardmedien erregt hat.
Vor allem die letzten Minuten der Sendung, in der Sternekoch Rosin regelmäßig Betreiber von Gaststätten in ihrem Alltag begleitet und ihnen Tipps gibt, sind in diesem Fall kurios. Verena und ihr Mann Hartmut Schütz empfangen Rosin in ihrer Küche. Die Stimmung ist frostig. Rosin streckt Hartmut Schütz die Faust zum Gruß entgegen. Der aber rührt sich nicht. »Die Faust wird in der Tasche geballt«, sagt er nur. Seine Haltung zu Rosin gibt er unmissverständlich auf seinem schwarzen Shirt zum Ausdruck. »Bevor du fragst«, steht dort geschrieben. »Nein!«
Kochen, das haben zuvor die zwei Stunden der Sendung gezeigt, kann Hartmut Schütz eher leidlich. Schon beim Kartoffelschälen und am Pürierstab hat er sich unter Rosins Anleitung überfordert gezeigt. In diesem Moment kocht der Oberkleener dann plötzlich doch. Meisterlich geradezu. Allerdings nur innerlich. Vor Wut. »Ich bin kein Huläbber«, schimpft er. »Ich bin der Hartmut Schütz aus Oberkleen. Ich muss mir nicht die Beine unter dem Oberkörper wegdrehen lassen.«
Der Streit eskaliert. »Du hast 30 Jahre Berufserfahrung, aber kein Talent für die Sache«, wirft Rosin Schütz vor. Der Oberkleener unterstütze seine Frau viel zu wenig in der Küche, stehe nur hinter der Theke. »Die totale Ignoranz«, klagt Rosin und schüttelt den Kopf. »Ich werde wie ein dummer Bub hingestellt«, wehrt sich der Oberkleener. »Nein«, widerspricht Rosin. »Du stellst dich selbst wie ein dummer Bub hin«, sagt er und gibt die Mission auf. Es ist ein Moment, den die Sendereihe eigentlich nicht vorsieht. »Ich bin mit meinem Latein am Ende«, sagt Rosin. Bei Verena Schütz fließen Tränen.
Sie hätten nicht versucht, die Ausstrahlung der Sendung zu verhindern, erklärt Verena Schütz. »Dann wären uns möglicherweise die Renovierung und das Streichen in Rechnung gestellt worden.«
Eine Woche liegt die von rund 800 000 Zuschauern verfolgte Sendung nun zurück. Im Lokal sei etwas mehr los als zuvor, erzählt Verena Schütz. Mehrere neue Gäste hätten sie besucht. Wer hier einkehrt, einen Strammen Max bestellt und Platz nimmt, erkennt schnell: Ein Restaurant ist das Gasthaus Schütz nun wirklich nicht. Es ist eine Kneipe. Urig, mit kantigen Typen hinter und vor der Theke. Rosin hat es zu Beginn seiner Sendung treffend formuliert. »Eigen. Aber nett.«
Mit der Zubereitung warmer Speisen hätten sie erst in der Pandemie richtig begonnen, berichtet Verena Schütz. »Um uns über Wasser zu halten, habe ich Pizza, Pasta und Burger hervorgekramt.« Auch deshalb habe ihr Mann in der Küche so wenig Erfahrung. Das sei in der Sendung nicht angesprochen worden, »obwohl wir es mehrfach erwähnt haben«.
So stellt sich die Frage, warum sich das Ehepaar für die Sendung überhaupt beworben hat. »Wir haben gehofft, dass wir dadurch mehr Gäste hierher locken können«, sagt Verena Schütz. Das Lokal hat Tradition, es ist mehr als 200 Jahre alt, allerdings kehren dort immer weniger Gäste ein. In der Sendung berichtet Schütz einmal, dass der Umsatz »an ganz schlimmen Tagen« auch mal bei weniger als 20 Euro gelegen habe.
Für staunendes Raunen hat bei Rosin die Inneneinrichtung gesorgt. »Einkonservieren – und ein Museum daraus machen«, sagte er angesichts uralter Holzmöbel, während vergilbte Wände, Brandlöcher in Sitzpolstern und die Tatsache, dass das Ehepaar Schütz einen Teil des Lokals als privates Wohnzimmer nutzte, Rosin abschreckten. Im Rahmen der TV-Sendung ist renoviert, die Wände und die Decke sind gestrichen worden. »Rosin-Grau«, sagt Verena Schütz trocken. Als Wohnzimmer dient das Gasthaus nicht mehr.
»Dass wir die Einrichtung viele Jahre vernachlässigt haben, müssen wir auf unsere Kappe nehmen«, räumt Verena Schütz ein. »Weil wir hier leben, haben wir die Mängel nicht mehr richtig gesehen.« Die Entscheidung ihres Mannes, Rosin am Ende regelrecht abzulehnen, trägt sie derweil mit. »Wie ein Schulbub« sei ihr Mann vorgeführt worden.
Der Besuch in Langgöns war nicht Frank Rosins erster Dreh im Raum Gießen. Vor Jahren acht machte er für seine Sendung „Rosins Restaurants“ das Lokal „Seeblick“ in Hungen fit – mit Erfolg.
Schlager erklingen aus einem Lautsprecher. Vier Männer und eine Frau sitzen an der Theke, ein kleiner Hund wuselt zwischen den Beinen der Barhocker. »Hätte mein Mann mehr an mir als an seinem Auto gefummelt, hätte ich ihn nicht verlassen«, erzählt die Frau. Kurz darauf unterhalten sich die Gäste über Akupunktur. Zehn Sitzungen habe er absolviert, sagt einer. »Bei mir hat es nichts gebracht.« Es sind Gespräche und Sätze, die in Kneipen eben fallen. Dass hier mit dem Besuch Rosins zwei unvereinbare Welten aufeinandergetroffen sind, wird schnell klar. »Ja, ja«, murmelt ein Gast vor sich hin, bevor er aus seinem Bierglas trinkt. »So ist das.« (Stefan Schaal)