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Hessens Schulen werden voller: Was sich zum Start am Montag ändert

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Von: Peter Hanack

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25 400 zusätzliche Kinder und Jugendliche drängen in die Klassenräume. Hessens Kultusminister Alexander Lorz warnt angesichts des Lehrkräftemangels vor „Panikmeldungen“.

Offenbach – Am Montag beginnt in Hessen das neue Schuljahr – und das mit viel mehr Schülerinnen und Schülern als zuvor. Vor allem aufgrund der kriegsbedingten Zuwanderung aus der Ukraine werden insgesamt 25 400 zusätzliche Kinder und Jugendliche in den Klassenräumen sitzen – das entspricht etwa 1000 Schulklassen. Zwar gibt es auch mehr Lehrerstellen. Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) räumt aber ein, dass längst nicht alle Aufgaben von voll ausgebildeten Lehrkräften übernommen werden könnten.

Für 787 000 Schülerinnen und Schüler heißt es in Hessen von nächster Woche an, wieder früh aufzustehen. Die sechswöchigen Sommerferien gehen zu Ende. Die Schülerzahl wächst damit um 25 400, wie Kultusminister Lorz am Freitag in Wiesbaden berichtete.

Schulstart in Hessen: So viele Neue wie noch nie

Während die meisten am Montag in den Unterricht starten, beginnt für die Erstklässler und -klässlerinnen die Schule erst am Dienstag. Rund 59 000 sind es, 1700 mehr als im Jahr zuvor. Viele Kinder und Jugendliche sind vor dem Krieg in der Ukraine nach Hessen geflohen, mehr als 13 000 seit März. Damit sind mehr schulpflichtige Kinder und Jugendliche in einem so kurzen Zeitraum ins Land gekommen als je zuvor. Auch während der Zuwanderung in den Jahren 2015 und 2016 vor allem aus Syrien waren es nicht so viele in so kurzer Zeit.

Es darf wieder gelernt werden: Zum Schulstart in Hessen kommen 25 400 zusätzliche Kinder und Jugendliche in die Klassenräume. Es könnte also eng werden.
Es darf wieder gelernt werden: Zum Schulstart in Hessen kommen 25 400 zusätzliche Kinder und Jugendliche in die Klassenräume. Es könnte also eng werden. © dpa

Das hessische Schulsystem steht damit vor einer seiner größten Herausforderungen. Das räumte auch Minister Lorz ein, zeigte sich aber zugleich optimistisch, dennoch allen ein gutes Angebot machen zu können.

Zahl der Lehrstellen in Hessen wächst

Die Zahl der Lehrerstellen wächst um 140 auf dann 55 680. Außerdem würden rund 600 Stellen besetzt, die bislang mit einem „Kann-wegfallen-Vermerk“ ausgestattet und lediglich als „Hülsen“ vorhanden gewesen seien, wie Lorz erläuterte. Sie seien nach der Flüchtlingskrise 2015/16 vorgehalten worden in der Hoffnung, sie nicht mehr zu benötigen. Nun aber würden sie gebraucht.

Unter anderem, um die Intensivklassen ausbauen zu können. Dort werden Seiteneinsteiger:innen mit keinen oder geringen Deutschkenntnissen beschult. Davon solle es 140 zusätzliche geben. 700 neue wurden seit März bereits geschaffen. Insgesamt sind 30 000 Schüler und Schülerinnen in Intensivmaßnahmen, mehr als jemals zuvor.

Hilfe und Rat zum Schulstart

Das Kultusministerium bietet gemeinsam mit den Staatlichen Schulämtern zum Start des neuen Schuljahrs ein Elterntelefon mit Rat und Hilfe an.

In den ersten beiden Schulwochen vom 5. bis 16. September stehen montags bis freitags in der Zeit von 9 bis 16 Uhr sowohl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatlichen Schulämter als auch Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner des Ministeriums in allen Fragen rund um das Thema Schule zur Verfügung.

Die zentrale Rufnummer des Elterntelefons lautet 0611 / 368-6000. Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite des Kultusministeriums unter kultusministerium.hessen.de pgh

Aufgrund der hohen Schülerzahl geht Lorz davon aus, dass Angebote außerhalb des Pflichtunterrichts vermehrt mit Personal bewältigt werden müssen, das über keine vollständige Ausbildung als Lehrkraft oder pädagogische Fachkraft verfügt. Deren Zahl ist in den vergangenen Jahren stets gewachsen, an manchen Schulen gerade in Brennpunktlagen stellen sie bereits die Mehrheit des Personals. Ohne solche Seiteneinsteiger:innen, Studierende oder Hilfskräfte könnten Schulen schon heute nicht mehr arbeiten.Voll ausgebildetes Personal fehlt vor allem an Grund- und Förderschulen, in den beruflichen Schulen, in den Naturwissenschaften sowie in Kunst und Musik.

Hessen: Mehr Studienplätze für neue Lehrkräfte

Lorz sieht den Schlüssel für die Lösung in mehr Ausbildung. Zwar habe das Land die Stellen an den Universitäten aufgestockt, jedoch kämen diese neuen Lehrkräfte erst in einigen Jahren an den Schulen an. Zudem gebe es Quereinsteigerprogramme, Angebote zur Verlängerung der Dienstzeit oder Aufstockung der wöchentlichen Stundenzahl. Lorz wandte sich gegen „Panikmeldungen“, die Unterrichtsversorgung sei gefährdet. Zumindest für Hessen treffe das nicht zu.

Corona soll im neuen Schuljahr keine so große Rolle mehr spielen, hofft Lorz. Testen und das Tragen von Masken sei nicht verpflichtend, allerdings würden weiterhin zwei kostenlose Tests pro Woche angeboten, in den ersten beiden Schulwochen sogar drei Tests. Strengere Maßnahmen für die Schulen lehnte Lorz ab. Diese könnten nur eingeführt werden, wenn dies auch in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen geschehe. Sonderregelungen zur Verschärfung an Schulen lehnte er ab.

Hessen: Neues Schulfach „Digitale Welt“

Zu den Neuerungen im beginnenden Schuljahr gehört ein neues Fach. Das Pilotprojekt „Digitale Welt“ startet in der Jahrgangsstufe 5 mit 70 Klassen an zwölf Schulen. Dort soll erprobt werden, wie digitale Technologien bei der Lösung von sozialen, ökologischen und ökonomischen Problemen helfen könnten. Unterrichtsinhalte sollen dabei aus verschiedenen Fachbereichen kommen. Die Lehrkräfte seien weitgehend frei, dabei eigene Vorstellungen zu erproben, sagte Lorz.

Wiedereingeführt wird der bekenntnisorientierte Islamunterricht, bei dem das Land mit Ditib kooperiert. Zwar hatte Hessen die Zusammenarbeit wegen Bedenken der Nähe Ditibs zum türkischen Staat eingestellt, muss diese aber nun nach Gerichtsentscheidungen fortsetzen. Parallel dazu bietet Hessen weiterhin einen islamkundlichen Unterricht in eigener Regie an.

Siehe Kommentar „Bedrohlicher Mangel“

Hessen: Ganztagsbetreuung und Islamunterricht

Weiter ausgebaut werden die Ganztagsangebote. Diese gibt es laut Lorz inzwischen an neun von zehn weiterführenden und an mehr als 70 Prozent der Grundschulen. 46 sind in diesem Schuljahr hinzugekommen. Hessen werde daher den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern, der von 2026 an gilt, erfüllen können. (Peter Hanack)

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