Heiratsalter in Hessen steigt stetig

Opernsänger und Lasershow: Hochzeit als Statussymbol

Frankfurt/Kassel - Hessische Männer heiraten im Durchschnitt zum ersten Mal mit 33,5 Jahren, Frauen mit fast 31. Nicht nur das Heiratsalter steigt stetig, sondern auch die Ansprüche an die Traumhochzeit.

Junggesellinnenabschied in der Striptease-Bar, Brautentführung nach Mallorca und das Ja-Wort im Schloss: Die Vorstellungen von der Traumhochzeit werden facettenreicher und anspruchsvoller. „Es sind die vielen Blogs, Hochzeitsportale, Hochzeitsforen und Bildportale, die Ideen und Wünsche kreieren beziehungsweise schüren", sagt Friederike Mauritz. Sie ist die stark beschäftigte Vorsitzende des Bunds Deutscher Hochzeitsplaner, einer florierenden Branche. Die Tipps im Internet reichen vom richtigen Geschenk für den Trauzeugen über die Hochzeitsversicherung bis zur Lasershow. „Die Leute wollen die Hochzeit filmreif zelebrieren. Je exklusiver, desto besser", hat der Vorsitzende des Fachverbands der hessischen Standesbeamten, Frank Müsken, beobachtet. „Man will sich mit etwas Besonderem abheben. Da spielt sicher auch Geltungsbedürfnis eine Rolle." Dieser Trend werde auch durch TV-Sendungen befeuert, in der sich alles um Hochzeiten dreht. „Die Trauung wird zum Event", sagt Müsken, der auch das Standesamt in Kassel leitet.

Cornelia Kelber vom Zukunftsinstitut in Frankfurt und Wien erklärt die gesellschaftliche Entwicklung so: „Feiern, die früher privat waren, sind zum Statussymbol geworden." Dies hänge mit dem "Blockbuster-Trend Konnektivität" zusammen: „Man sucht sich seine eigene Gemeinschaft selber." Denn viele hätten sich aus Verbünden wie Religion oder Nachbarschaft gelöst. Private Räume gebe es in der Online-Gesellschaft kaum noch. „Wie in den sozialen Netzwerken ist das Privatleben ein bisschen zum Wettbewerb geworden", sagt Kelber. „Man feiert nicht nur für sich selbst, sondern auch für die potenzielle Öffentlichkeit, die einem dabei zuguckt."

Eine kirchliche Hochzeit komme für viele Paare nicht mehr infrage, auch damit gewinne die standesamtliche Trauung an Bedeutung, stellen die Standesämter fest. „Es kommen immer mehr mit Brautkleidern und einer Hochzeitsgesellschaft von 70, 80 Leuten", berichtet die Leiterin des Frankfurter Standesamtes, Andrea Hart. Im Trausaal im Rathaus Römer gibt es aber nur 15 Sitzplätze. Der Raum werde manchmal regelgerecht von einer Hochzeitsgesellschaft gestürmt. In anderen Städten Hessens sieht es ähnlich aus: Früher seien im Schnitt etwa zehn Leute bei einer Trauung anwesend gewesen, inzwischen seien es auch mal mehr als 100, sagt Müsken.

Die meisten Paare wünschten sich sehr individuelle Trauungen mit Reden, Gedichten, Musik „und bringen sogar mal einen Opernsänger mit", erzählt Hart in Frankfurt. Einige erwarteten von der Stadt einen besonderen Blumenschmuck für sich. Gut 20 Minuten haben die Frankfurter Standesbeamtinnen in der Regel für eine Trauung Zeit. „Das ist vielen zu kurz", berichtet Hart. 

Das perfekte Brautkleid finden

Der Freitag sei besonders beliebt. „Manche sind dann überrascht, dass außer der Tochter an dem Tag noch sechs andere heiraten." Müsken sagt: „Brautpaare wollen häufiger als früher in einem Schloss statt im Rathaus heiraten, um Exklusivität in Anspruch zu nehmen". Und Hart räumt mit einem Missverständnis auf: „Manche glauben auch, ich miete mir mal einen Standesbeamten, der kommt dann da hin, wo ich will". Und noch ein No-Go: „Manche wollen ihren Pfarrer ins Standesamt zum Predigen mitbringen."

Müsken weiß von typischen Fragen zu berichten. Sie hört häufiger zum Beispiel: „Können Sie nicht zu uns nach Hause kommen - wir haben einen tollen Garten?" Dies gehe aber schon wegen des Gleichbehandlungsgrundsatz nicht - genauso wenig wie eine Trauung im Flugzeug oder unter Wasser. In Hessen gebe es zudem einen Erlass, der eine Eheschließung im Freien schwer mache. Die Beurkundung dürfe nicht durch äußere Umstände, auch nicht die Witterung, beeinflusst werden. Der Traum von der Märchenhochzeit im Freien kann also schnell zerplatzen, wie auch Planerin Mauritz weiß. „Der Wunsch ist zu 80 Prozent nicht erfüllbar. Wenn es einmal regnet, ist der ganze Aufbau hin." In der Hochzeits-Hauptsaison von Mai bis Ende September gebe es einfach nur wenige laue Sommerabende.

So manches Brautpaar verschiebe seine Hochzeitsfeier um ein Jahr, weil die Traumlocation für das Fest nicht frei sei, sagt Mauritz. Doch was ist eigentlich besonders gefragt? „Das Thema Vintage hat sich als deutlicher Trend sehr lange gehalten, ist aber im Abklingen", berichtet Mauritz. Derzeit gebe es vor allem zwei Varianten: Die elegante Hochzeit mit Silber, Gold und Pastelltönen sowie die natürliche mit Erdfarben und natürlichen Materialien. Der Bräutigam trage in der Regel dunkle Farben, im Sommer auch mal Hellbraun oder Weiß. Bei den Bräuten seien alle Weiß-, Champagner- und Cremefarben besonders beliebt. „Wir hatten aber schon sehr ausgefallene Farbwünsche für die Deko." Als Beispiel nennt Mauritz einen speziellen Pinkton in Kombination mit Orange. Die Jagd stand auch schon mal im Mittelpunkt. Tauben seien dagegen nicht mehr so gefragt, mit Blick auf den Naturschutz, aber auch aus Angst, sich das Kleid mit Taubenschiss zu versauen.

Die rund 20 im Bund zusammengeschlossenen Hochzeitsplaner haben schon allerlei Wünsche erfüllt. Die günstigste Hochzeit habe 6.000 Euro gekostet, die teuerste 120.000 Euro, weil viele Gäste ganze drei Tage feierten. „Wir hatten aber noch keine Hochzeit im Heißluftballon und auch noch keinen Elefanten auf einer Hochzeit", sagt Mauritz. (dpa)

Tipps zur floralen Hochzeitsdekoration

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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