„Expanded Realities“

Hochschule in Dieburg bietet einzigartigen Studiengang an

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Wer die Brille aufsetzt, sieht über sich einen Astronauten fliegen. Egal, wie man sich bewegt, er bleibt an Ort und Stelle. Diese Projektion, die mit der Wirklichkeit verschmilzt, nennt sich „Augmented Reality“. Solche Verschmelzungen könnten in Zukunft auch beispielsweise bei Maschinenwartungen benutzt werden.

Dieburg - Unendliche, virtuelle Welten erforschen Studenten ab dem kommenden Sommersemester am Campus Dieburg der Hochschule Darmstadt. „Expanded Realities“ – also „erweiterte Realitäten“ – nennt sich der neue Studiengang. Von Yvonne Fitzenberger 

Eine große, nicht gerade modische Brille sitzt auf dem Kopf von Simon Lehnert. Schneller und schneller tritt er in die Pedale des Fahrrads, auf dem er sitzt. Er versucht noch die Bahngleise zu überqueren, bevor der Zug diese erreicht. Geschafft – Lehnert hängt seine Verfolger ab. Und das, obwohl er sich keinen Zentimeter vom Fleck des AR-Studios der Hochschule Darmstadt bewegt hat. Der Zug und die Gleise sind nur auf einem Bildschirm hinter ihm für Außenstehende zu sehen. Für Lehnert spielt sich aber alles vor seinen Augen ab – in einer virtuellen Welt. Mit diesen neuen Welten und all ihren Möglichkeiten beschäftigen sich künftige Studenten im Studiengang „Expanded Realities“.

Die Möglichkeiten, die erweiterte Realitäten bieten, fasziniert Studenten der Hochschule Darmstadt, Campus Dieburg bereits jetzt. In vielen Studiengängen finden sie einen Platz. Mithilfe von virtuellen Welten kann man eine Verfolgungsjagd auf dem Fahrrad erleben oder Rollstuhlbasketball spielen.

Wie der Name schon vermuten lässt, geht es hierbei um weit mehr als „Augmented Reality“ wie zum Beispiel beim Spiel „Pokémon Go“ oder virtuelle Welten. „Die Einsatzmöglichkeiten für erweiterte Realitäten sind nahezu unendlich“, erklärt Studiengangleiter Professor Frank Gabler während der Vorstellung des Studiengangs. Bereits heute kommen vors Auge projizierte Welten zum Beispiel für Architekturprojekte zum Einsatz. Weitere Beispiele seien die Medizin – Ärzte erhalten Patienteninformationen im Sichtfeld angezeigt – oder im Autobau.

Studiendekanin Professorin Claudia Söller-Eckert sieht ebenso wie ihr Kollege in der Entwicklung von erweiterten Realitäten die Zukunft: „Die Technik wird Einzug in unseren Alltag halten, ähnlich wie das Internet es schon getan hat.“ Schon seit mehrere Jahren sind virtuelle Welten Teil verschiedener Studiengänge an der Hochschule.

Das zeigt sich im „Games Lab“, eines von insgesamt 30 Laboren, in dem Gruppen arbeiten können: Hier arbeitet ein Studententeam an einer Golfsimulation. Was nach einem Spiel für Zuhause aussieht, soll aber auch an Firmen vermarktet werden. „Golfschlägerhersteller können damit ihre Produkte testen“, erklärt Professor Martin Leissler, der als Dozent für Game Developement die Gruppe leitet.

Beim neuen Bachelor-Studiengang – es ist bislang der einzige deutschlandweit, der sich allein mit dem Thema erweiterte Realitäten befasst – sollen solche Ideen nicht nur weiter-, sondern „von Anfang an neu durchdacht“ werden, betont Gabler. „Es geht weg von „show, don’t tell“ (zeigen statt erzählen) zu „experience, don’t show“ (erleben statt zeigen)“, erläutert Professor Tilman Kohlhaase. Gestaltung, Erzählweise, Mediensprache, aber auch ethische Ansätze und Rechtsfragen – all das muss erst für die erweiterten Realitäten neu erschaffen werden. Aber auch Datenschutz, Gewalt oder sogar Straftaten wie sexuelle Übergriffe spielen eine Rolle. „Wir wollen an der Hochschule Teil dieser Entwicklung sein und nicht abwarten“, betont Professor Kohlhaase.

Dabei stoßen sie auf ein breites Interesse der Studenten, die bereits jetzt sich in verschiedenen Bereichen damit befassen und nach ihrem Abschluss weiter damit befassen. So wie eben Simon Lehnert und seine Partner, die mit ihrem auf Geschichten basierenden Training auf dem Fahrrad ihr eigenes Startup nach dem Studium gegründet haben.

Was ist „Expanded Realities“? 

Unter dem Begriff „Expanded Realities“ oder auch erweiterte Realitäten fallen nicht nur virtuelle Welten: Das bekannteste Beispiel für „Augmented Reality“ ist das Smartphone-Spiel „Pokémon Go“: Über das Display sieht man eines der kleinen Monster auf dem Schreibtisch sitzen. Es sitzt da und bewegt sich. Als Nutzer kann man nichts weiter mit dem Bild anfangen, außer was im Spiel vorprogrammiert ist. Bei der „Mixed Reality“ könnte der Spieler das Pokémon mit dem Finger anstupsen und es würde darauf reagieren. Zum Beispiel umfallen oder wegspringen. In „Virtual Realities“ wird der Nutzer selbst in eine virtuelle Welt transportiert. Er begibt sich in die Welt des Pokémon. „Bald finden Geschäftsbesprechungen oder Skype-Unterhaltungen zwischen Freunden in einem virtuellen Raum statt“, prognostiziert Professor Frank Gabler.

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