Lärm gemessen

Fluglärmbeschwerden in Bad Homburg häufen sich – Kurioses Ergebnis des Gutachtens

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Ein Airbus A-380 der Lufthansa zieht nach dem Start in Frankfurt über den Hochtaunuskreis hinweg. Nicht alle Verkehrsflugzeuge sind so leise wie dieser Flugzeugtyp.

Seit Monaten beschweren sich die Bad Homburger über vermehrtes Flugaufkommen und verstärkten Fluglärm. Die Stadt hat deswegen ein Gutachten in Auftrag gegeben.

Hochtaunus - Über 100 Überflüge am Tag hat der Bad Homburger in jüngster Vergangenheit gezählt, die Überflüge beginnen nach seiner Zählung "kurz nach 5 Uhr morgens" und enden "um 23.30 Uhr". Und trotzdem hat die Stadt kein Fluglärmproblem? Das will dem Mann, der namentlich nicht genannt werden will, nicht in den Kopf. "Ich habe hier teilweise nur noch fünfeinhalb Stunden effektive Schlafzeit. Da helfen mir pseudowissenschaftliche Auswertungen und Richtwerte wahrlich nicht viel", sagt der Mann mit Blick auf ein Gutachten der Stadt über die Messung von Fluglärm.

Zur Erinnerung: Die Stadt hat den Fluglärm gemessen und einen Gutachter beauftragt, die Ergebnisse zu bewerten. Der - es handelte sich um die Firma deBAKOM aus Odenthal - kam zum Ergebnis: Trotz einer seit 2017 deutlich höheren Zahl an Überflügen und einem damit einhergehenden höheren Lärmpegel bleibt der Flugverkehr über Bad Homburg seit 2011 ein insgesamt eher geringfügiger Lärmfaktor, wie fnp.de* berichtet. Alle Grenz- und Richtwerte sind demnach deutlich unterschritten. Und deswegen lasse sich auf rechtlicher Basis auch kein akuter Handlungsbedarf vonseiten der Stadt ableiten.

Hat sich die Stadt mit dem Gutachten zum Fluglärm in Bad Homburg ein Eigentor geschossen?

Der Homburger ist davon überzeugt, dass "eine solche Einstellung den Boden für künftig noch viel größere Probleme bereiten wird". Das sieht auch ein anderer Bad Homburger so, der namentlich ebenfalls nicht genannt werden möchte. Er sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: "Ich glaube, mit dieser Auswertung hat sich die Stadt ein Eigentor geschossen. Denn die Fluglärmkommission bezieht sich jetzt schon auf diese Auswertung - und kündigt gleich noch mehr Fluglärm an."

Der Mann hatte nämlich der Fluglärmkommission geschrieben und geklagt, dass über der Kurstadt täglich mehr als 100 Flugzeuge flögen - vor allem in geringer Höhe, wie fnp.de* berichtet. Er schrieb, um zu telefonieren, müsse er das Fenster schließen, und bat um eine "gerechtere Verteilung der Überflüge".

Die Antwort der Fluglärmkommission indes stimmt ihn nachdenklich: "Sie schrieb, die Stadt habe den Fluglärm prüfen lassen und schickte mir sogar den Link zur Mitteilung, und auch, dass die wahrnehmbaren Überflüge zwar zugenommen hätten, der Lärm ja aber von der Stadt als ,geringfügig' eingestuft würde." Dass die Kurstadt sich damit "Möglichkeiten der Mitsprache und Einflussnahme genommen und Tür und Tor für weitere Steigerungen von Flugbewegungen ganz weit geöffnet hat, wollte die Fluglärmkommission nicht weiter kommentieren", sagte der Leser dieser Zeitung. Dann habe die Kommission aber noch geschrieben, dass der Flugverkehr 2018 um acht Prozent zugenommen habe, "und auch in diesem Jahr wird er weiter wachsen" - aufgrund des Ausbaus des Frankfurter Flughafens.

Weiterhin steigender Luftverkehr in Europa geplant – Erste Bürger denken an Umzug

Und das sagt nun auch die Deutsche Flugsicherung. Auf Anfrage dieser Zeitung, die die Anfrage eines weiteren Lesers weiterleitete, ob sich hier nicht doch auch Flugroutenänderungen über dem Taunus abzeichnen, erklärte DFS-Sprecherin Ute Otterbein: "Derzeit sind keine Änderungen geplant, weder im Abflug bei Betriebsrichtung Ost noch im Anflug bei Betriebsrichtung West. Wir möchten aber auf den weiterhin steigenden Luftverkehr in Europa hinweisen." 

Ein Leser hat in der Tat gerade erst am Mittwochmorgen um 7.30 Uhr wieder einen Abflug direkt über Homburg beobachtet. Er überlegt inzwischen ernsthaft, umzuziehen. In einer Mail an diese Zeitung schrieb er auch in der Woche zuvor: "Eben ist gerade wieder ein Tiefflieger mit 4300 Fuß als vierstrahlige Maschine über Bad Homburg im Landeanflug gedonnert. Das kann wirklich nicht mehr so weitergehen."

Stadt spricht sich gegen die Pläne der DFS aus – Anflughöhe soll reduziert werden

Wird es aber wohl. Wie berichtet, plant die DFS, dass Flugzeuge, die im Anflug sind, künftig 1000 Fuß tiefer fliegen dürfen als bisher. Das allerdings will die Stadt nicht einfach so hinnehmen, wie fnp.de* berichtet. "Wir nehmen die Pressemeldungen zu Plänen der Flugsicherung, die Anflughöhen zu reduzieren - wogegen sich die Fluglärmkommission ausgesprochen hat -, zum Anlass, im Sinne der Interessen der Bürger eine zeitnahe Aufklärung des Sachverhalts zu fordern sowie gegebenenfalls dagegen zu intervenieren", schrieb Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) einem Bürger auf dessen Anfrage. Die Mail liegt dieser Zeitung vor.

Der Hochtaunuskreis hatte in seiner jüngsten Sitzung einen Antrag der Grünen abgelehnt, der unter anderem vorsah, dass der Kreis das Fluglärmproblem analysiere und sich positioniere, Berichte in Sachen Flughöhen einfordern und sich um stärkere Einflussmöglichkeiten kümmern soll. Allerdings hatten die Mitglieder sich darauf geeinigt, sich über die weitere Entwicklung berichten zu lassen.

Von Sabine Münstermann

Info: Von Wahlergebnissen und "Klimawandlern"

Viel Hoffnung, dass sich wirklich etwas tut, haben die Fluglärm-Geplagten nicht. Einer, der namentlich nicht genannt werden will, erklärte: "Jetzt werden sogar schon bestimmte Anflüge bei Betriebsrichtung 25 (das ist die Anflugroute bei Westbetrieb) grundsätzlich auf der Gegenanflugroute über Taunusstein, Homburg und Karben geführt. Etwa am Montag, 20. Mai, um 7.41 Uhr oder auch um 7.48 Uhr. Diese Anflüge kommen nun regelmäßig. Vom Ostwind, also Betriebsrichtung 07 - 07 kurz - zur Erinnerung, dass ist die Route, die bei Ostwind über Bad Homburg die Abflüge führt - wollen wir gar nicht mehr reden."

Nicht mehr reden will einer auch über die Abstimmung im Kreistag. Es sei zwar abzusehen gewesen, dass der Antrag der Grünen von der CDU/SPD-Koalition geändert würde. Aber dass es jetzt "nur noch einen Bericht im Ausschuss zum Thema gibt, aber keine Maßnahmen, macht mich fassungslos." Er könne nicht verstehen, dass gerade mit Blick auf die Europa-Wahl, bei der "die Grünen ihr Ergebnis verdoppelt haben", andere Parteien "nichts daraus zu lernen scheinen". Ein anderer sagt trocken: "Ich habe gerade bei einer Umweltgruppe einen neuen Namen für Flugzeuge gelesen: "Feinstaub und Lärm erzeugende Klimawandler." sbm

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