Erfahrungen einer Rettungssanitäterin

Mit der Faust ins Gesicht

Frankfurt - Sie wollte helfen und wurde angegriffen: Kira Farnung ist Rettungssanitäterin in Hessen und hat die zunehmende Gewalt gegen Einsatzkräfte am eigenen Leib zu spüren bekommen. Von Petra Knobel

Sie sei mit einer Kollegin von einem Mann attackiert worden, erzählt die 25-Jährige. Mit anderen appelliert sie eindringlich: Sanitäter und Feuerwehrleute, aber auch verletzte und hilfsbedürftige Menschen zu respektieren, nicht zu behindern oder gar anzugreifen. Kira Farnung erinnert sich gut an den Mann, zu dem sie gerufen wurde. Er schien zu schlafen. „Wir standen nur neben ihm.“ Da sei er plötzlich munter gewesen und habe ihre Kollegin mit der Faust ins Gesicht geschlagen. „Mich verletzte er am Oberkörper“, berichtet sie anlässlich einer Demonstration, bei der Retter auf ihre Probleme aufmerksam machten.

Motto der Demonstration war: „Hände weg! Wir sind Eure Rettung.“ In den vergangenen drei bis vier Jahren habe die Rücksichtslosigkeit und Gewaltbereitschaft gegenüber Rettungskräften spürbar zugenommen, berichtet Arno Dick, Fachgruppenleiter bei Verdi. Bundesweite Statistiken dazu, wie viele Rettungskräfte bei Einsätzen angegriffen wurden, gebe es nicht. „Wir gehen aber von 75 Prozent aus, eher mehr“, erklärt Dick.

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Retter werden angepöbelt, angerempelt, bespuckt oder geschlagen. Sicher sei, dass die Hemmschwelle zu Angriffen bei vielen Menschen sinke und dies die Rettungskräfte zusätzlich unter Stress setze. Schulungen zum Umgang mit solchen Situationen seien im laufenden Betrieb wegen der engen Personaldecke kaum möglich. Kira Farnung macht ihr Beruf immer noch Spaß, denn es gebe viele gute Momente. Zu manchen Einsätzen fahre sie aber inzwischen mit einem unguten Gefühl, etwa wenn größere Gruppen oder Betrunkene gemeldet würden. „Das kann auch hinderlich sein, weil man möglicherweise manches überinterpretiert.“ Vielleicht müsse aber auch die Bevölkerung mehr darüber aufgeklärt werden, wie Rettungseinsätze abliefen.

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Auch andere Teilnehmer berichten von zunehmender Gewaltbereitschaft, immer niedrigeren Hemmschwellen und mangelndem Respekt. Mario Müller, Feuerwehrmann der Frankfurter Flughafenfeuerwehr und der Freiwilligen Feuerwehr Neu-Isenburg, kritisiert Gaffer und Menschen, die Einsätze behindern: „Die Leute wollen dichter dran sein als die Einsatzkräfte selbst.“ Bevor der Notruf gewählt werde, zückten viele das Handy. „Schaulustige rücken einem richtig auf die Pelle. Persönlichkeitsrechte, auch von Verletzten, gelten gar nichts mehr.“

Auf Volksfesten sei er mit seinen Kollegen nur in Gruppen unterwegs, berichtet Sanitäter Johannes Radde vom Roten Kreuz aus Hanau. Abends und nachts würden sie meist von Sicherheitsleuten begleitet. Raddes Kollege Manuel Bauer ergänzt: „Es ist schade, dass viele nicht mehr normal trinken können. Heutzutage zetteln die Leute gleich eine Schlägerei an, stellen sich uns in den Weg oder gehen einfach durch Absperrungen.“ (dpa)

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