Jugendsünden fair bewerten

Hessens Polizei erlebt Bewerberansturm

Wiesbaden - Bei der Polizei in Hessen gehen deutlich mehr Bewerbungen ein als in den beiden vergangenen Jahren. Die Zahl kletterte 2017 laut Innenministerium auf 7 664 – nach gut 6 000 im Vorjahr und noch einmal 500 weniger 2015.

Inzwischen hat jeder siebte Interessent Chancen auf einen Platz auf der Polizeischule. 2017 werden insgesamt 1155 Polizeianwärter eingestellt. Es ist der mit Abstand größte Jahrgang, den es jemals bei der hessischen Polizei gab, wie das Ministerium erklärte. Trotz der hohen Zahl habe es keine Abstriche oder Veränderungen bei den Qualitätsanforderungen gegeben, betonte ein Sprecher.

„Der deutliche Anstieg hat damit zu tun, dass wir breiter geworben haben“, sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Andreas Grün. Er erinnerte an die Einstellungstermine September 2015 und Februar 2016, als mangels geeigneter Bewerber Stellen unbesetzt geblieben seien. Die Hessische Polizeiakademie sei inzwischen personell verstärkt worden, um dem Ansturm Herr zu werden. Mit der angekündigten Reform für das Auswahlverfahren sei die Gewerkschaft zufrieden. „Das ist der richtige Weg“, sagte Grün.

Das Innenministerium hatte in diesem Jahr angekündigt, angehende Polizisten mit Blick auf ihre grundsätzliche Eignung intensiver durchzuchecken. Schon bisher wurden sowohl das Bundeszentralregister abgefragt – etwa zu möglichen Vorstrafen – als auch polizeiliche Informationssysteme wie Polas. Zudem prüfte das Landeskriminalamt die Zuverlässigkeit. Künftig soll darüber hinaus eine Rechtsgrundlage geschaffen werden, um auch das Nachrichtendienstliche Informationssystem (Nadis) anzuzapfen.

Sollte beispielsweise ein Polas-Eintrag vorliegen, dann schaut sich ein Expertengremium den Bewerber nach einem Stufenkonzept noch mal genauer an. „Bei der Polizei werden keine Straftäter eingestellt“, hatte Innenminister Peter Beuth (CDU) bei der Vorstellung des Konzeptes erklärt. Ein Polas-Eintrag allein sei aber kein Ausschlusskriterium. „Es geht darum, Jugendsünden und Verfehlungen der Vergangenheit nüchtern und fair zu bewerten.“

Hintergrund der Diskussion um das Auswahlverfahren bei der Polizeiausbildung ist eine tödliche Messerstecherei im Juni in der Wiesbadener Innenstadt, in die ein hessischer Polizeianwärter verwickelt war. Während der Ermittlungen kam heraus, dass der Mann unter anderem wegen räuberischer Erpressung und Körperverletzungsdelikten im Polas auftaucht.

Hessen wirbt auf verschiedenen Kanälen um Nachwuchskräfte für die Polizei, etwa mit Kinospots, auf öffentlichen Bussen, in Sportstätten oder auf Streifenwagen. „Nicht zu unterschätzen ist des Weiteren die Werbung und die ständige Präsenz der hessischen Polizei in den sozialen Medien“, erklärte ein Sprecher des Innenministeriums. Das Interesse so vieler junger und motivierter Menschen zeige, dass der Polizeiberuf nichts von seiner Faszination verloren habe und dass das Land ein attraktiver Arbeitgeber sei. Im Polizeivollzugsdienst gibt es aktuell mehr als 14.000 Stellen.

Polizeikontrolle am Bieberer Berg: Bilder

Ein trotz Uniform sichtbares Tattoo ist in Hessen übrigens kein Hindernis für eine Polizeilaufbahn. Es gilt zwar grundsätzlich, dass Tätowierungen nicht für die Öffentlichkeit erkennbar sein dürfen. Jedoch würden unauffällige und kleinere Tattoos ohne besondere Symbolik im Normalfall nicht beanstandet, hieß es aus dem Ministerium in Wiesbaden. Für diese Einschätzung seien die Vorgesetzten zuständig oder bei der Auswahl von Bewerbern für das Polizeistudium die Polizeiakademie. (dpa)

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: dpa

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